Kolumne: Mit Verlaub!: Geplapper über "ach so miserable Politiker"

Kolumne: Mit Verlaub! : Geplapper über "ach so miserable Politiker"

Jedem Fußballheros, der mit kurioser Körperbemalung seinem Maserati entsteigt, schlägt leider oftmals mehr Achtung entgegen als einem tüchtigen Parlamentarier und der parlamentarischen Demokratie.

Bei einer der fast immer lehrreichen Tagungen der Akademie für Politische Bildung in Tutzing am Starnberger See zitierte Frank Decker von der Universität Bonn aus einer Studie: Danach äußerten 78 Prozent der Befragten in Nordrhein-Westfalen ihre Überzeugung, dass sich durch Wahlen nichts ändern lasse. Man darf diese Meinung für falsch halten; aber zu respektieren hat man sie. Und: Wem an der parlamentarischen Demokratie liegt, die doch nur ein verwirrter Kopf auf den Müllhaufen der Geschichte wünscht, den sollte der 78-Prozent-Entscheid nicht ruhen lassen.

Der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Hans-Jürgen Papier, attestiert ein "drängendes Problem der Politiker- und Parteienverdrossenheit" und wirbt für mehr Akzeptanz und Wertschätzung der parlamentarischen Demokratie. Die Bürger, so Papier, sollten sich wieder mit der parlamentarischen Demokratie versöhnen. Recht hat der Herr Professor, nur, hört ihm jemand zu?

Zweierlei fällt einem dazu ein: Zum einen könnte man sarkastisch antworten, dass den Bürgern keine andere Möglichkeit als die Versöhnung bleibe, weil es zur parlamentarischen Demokratie zwar Alternativen gibt, aber keine solchen, die vernünftig sind. Wer möchte schon zum obskuren Zirkel der Unvernünftigen, der politischen Narren gezählt werden?

Die andere Überlegung ist ernster, nämlich: Wie sähe es wohl erst mit der Versöhnungsbereitschaft der Bürger mit Politikern, demokratischen Parteien und Parlamentarismus aus, wenn es dem Land der kraftvollen Wirtschaft, der Fast- Vollbeschäftigung und der vielfältigen sozialen Absicherungen einmal ökonomisch schlecht ginge? Skeptiker halten uns Deutsche für Schönwetter-Demokraten, die just in dem Moment mit dem System hadern, wenn die Sonne einmal für längere Zeit hinter dunklen Wolken verschwindet. Sind wir nicht noch viel untreuere Demokraten, wenn derart viele unter uns selbst bei blauem Himmel über dem Standort D mit ihrer Politiker-Geringschätzung und Wahlabstinenz prahlen?

Wenn man manches Party-Geplapper über unsere "ach so miserablen Politiker" hört, fällt einem der große Zeiten-Beobachter Johannes Groß ein. Groß meinte einmal, im Grunde seien Deutsche verkehrte Clowns. Sie führten sich im Gegensatz zu den Zirkuskomikern in entlegenen Künstlergarderoben hochvergnügt auf; doch vor Publikum kehrten sie den Griesgram heraus. Es ist schon ein Ärgernis, dass jedem Fußballheros, der mit kurioser Körperbemalung seinem Maserati entsteigt, oftmals mehr Achtung entgegenschlägt als einem tüchtigen Parlamentarier, der im Maschinenraum der Demokratie seinen Dienst tut.

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(RP)
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