Kolumne: Mit Verlaub!: Gender-Theorie und Wohlstandsinsel Deutschland

Kolumne: Mit Verlaub!: Gender-Theorie und Wohlstandsinsel Deutschland

Amüsieren wir uns vielleicht zu Tode, wie der amerikanische Medienwissenschaftler Neil Postman einst vermutete? Könnte sein, wie der von neuem entfachte Streit über das Für und Wider einer umstrittenen Geschlechter-Theorie vermuten lässt.

In Düsseldorf fand vor kurzem ein Informationsabend zur umstrittenen "Gender"-Theorie statt. Die Theorie stellt sich gegen Erkenntnisse der Biologie und behauptet, dass Geschlechterunterschiede nicht naturgegeben, vielmehr das Resultat sozialer Strukturen seien. Das kann man für eine lachhafte Missachtung der Lebenswirklichkeit oder auch für diskussionswürdig halten.

Was zunehmend unangenehm auffällt, sind teilweise rabiate Reaktionen in den so genannten sozialen Netzwerken (Sollte man diese manchmal nicht besser "asoziale Netzwerke" nennen?), sobald sich jemand beherzt gegen die Gender-Theorie stellt, sie vielleicht gar veräppelt als törichten US-Import. Der berühmte Satz Voltaires über das Wesen der Toleranz: "Ich verachte zwar Ihre Meinung, aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie sagen dürfen" - er wird immer öfter mit Füßen getreten. Mit Beschimpfungen und übelsten Verdächtigungen werden aufgeklärte, moderne Frauen und Mütter bedacht, die mit Worten und Schriften die feministisch unterlegte Gender-Theorie für Obskurantismus halten.

In Düsseldorf wurde zuletzt versucht, eine Gender-Veranstaltung in einem öffentlichen Gebäude zu verhindern, bei der die Autorin der Streitschrift "Gender Gaga. Wie eine absurde Ideologie unseren Alltag erobern will" als Referentin eingeladen war. Der Versuch war untauglich, Toleranz siegte am Ende über Intoleranz. So weit, so gut.

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Man täusche sich aber nicht: Die allzeit sprungbereiten "Shitstorm"-Produzenten lauern darauf, missliebige Meinungen verächtlich zu machen, sobald jemand wagt, sich gegen etwas zu positionieren, was einer meist bloß eingebildeten Mehrheit als der letzte Schrei der Gesellschaftspolitik vorkommt.

Im Fernsehen wird in Kürze noch einmal in zweiter Auflage die März-Sendung "Für und Wider die Gender-Theorie" mit dem Hart-aber-fair-Moderator Frank Plasberg wiederholt. Nicht immer niveauvoll war das damals, aber doch aufschlussreich und unterhaltsam obendrein. Das wie alle Diskutanten erneut eingeladene FDP-Unikum Wolfgang Kubicki soll seine Zusage mit dem Spott verbunden haben, seine erste Frage werde lauten: "Was darf ich sagen, ohne gleich wieder aus der Mediathek zu fliegen?" Dahinter verbirgt sich die verbreitete Kritik daran, dass die Erstsendung seltsamerweise aus der WDR-Internet-Truhe für Gesendetes entfernt wurde. Wer beim Streit über Gender-Theorie und Geschlechterforschung ins Grübeln gerät und sich fragt, ob wir uns auf der Wohlstandsinsel D doch zu Tode amüsieren, der greife zum "Gender Gaga"-Buch und bilde sich ein Urteil.

Ihre Meinung? Schreiben Sie unserem Autor: kolumne@rheinische-post.de

(RP)