Kolumne: Mit Verlaub!: Ein Hoch auf Deutschlands Demokratie

Kolumne: Mit Verlaub! : Ein Hoch auf Deutschlands Demokratie

Das SPD-Wahlplakat mit dem Konterfei Willy Brandts aus dem Jahr 1972 bleibt unvergessen: "Deutsche, wir können stolz sein auf unser Land." Diese Aussage war damals so richtig, wie sie es heute ist.

Dass die Deutschen nicht mehr so demokratisch-pflichtbewusst an Wahlen teilnehmen, wie das noch vor wenigen Jahrzehnten zwischen Kiel und Konstanz der Fall war, wird ausgiebig erzählt und regelmäßig beklagt. Es soll ja ulkige Naturen geben, die Wahlenthaltsamkeit für eine Sonderform stiller Zufriedenheit mit den politischen Zuständen im Lande halten. Mit Verlaub: Das ist Unsinn.

Wenn ich diverse Zuschriften zu meiner Kolumne vom vergangenen Freitag ("Schluss mit pauschaler Politiker-Verachtung") richtig interpretiere, kann das Ansehen von Ministern und Parlamentariern gar nicht mehr viel tiefer sinken. Aus nicht wenigen Zeilen (Ausnahmen bestätigten die Regel) quollen wahre Wonnen der Empörung über Politik und Politiker. Man fragt sich: Haben diese Zornbebenden alle Maßstäbe verloren? Vergleichen sie doch einmal unser politisch geordnetes Gemeinwesen mit Staaten, in denen es seit Jahren drunter und drüber geht und Radikalinskis es bis an die Spitze schaffen? Gerade jetzt in der Feriensaison hofft man auf die bildenden Kräfte des Auslands-Tourismus. Die Reiseleidenschaft gehört neben Fußball und Jammern schließlich zu den Disziplinen, in denen wir Deutsche Weltmeister sind oder, um mit dem Fußball-Kaiser Franz zu sprechen: auf Jahre hinaus unschlagbar sind. Wer etwa aus Griechenland in die Heimat zurückkehrt und nicht ein dreifaches Hoch auf unsere deutsche Demokratie anstimmt, dem ist kaum zu helfen.

Zur Bundestagswahl 1972, an der 90 Prozent (!) der Wahlberechtigten teilnahmen, hatte die SPD einen treffsicheren Slogan gewählt und dazu ihren Helden, den Kanzler Willy Brandt, gezeigt: "Deutsche, wir können stolz sein auf unser Land!" Das war damals so richtig, wie es heute richtig ist. Bevor jetzt verkrampfte Ewig-Linke oder graue Alt-68er einwenden, hier werde das nationale Horn geblasen, schreibe ich: Das ist ganz normaler Patriotismus. Den sollten wir uns nicht nur gönnen, wenn alle vier Jahre das WM-Fieberthermometer steigt.

Die in Mode gekommene Abstinenz bei Wahlen und die Lust am politischen Lamento mag auch an der Farb- und Konturlosigkeit zu vieler kieselglatter Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens liegen. Aber auch hier gilt: Das Glas ist halb voll, nicht halb leer. Man schaue sich politische Veranstaltungen an, denen zum Beispiel ein Volksvertreter wie Wolfgang Bosbach (CDU) die Ehre gibt: schwer erkrankt, voller Einsatz, nachdenklich und humorvoll. Solche Vorbilder braucht das Land. Es gibt sie auf allen Ebenen des Staates. Wir müssen nur genauer hinschauen und gerechter urteilen.

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(RP)