Kolumne: Mit Verlaub!: Die Häme der Krippen-Ideologen

Kolumne: Mit Verlaub! : Die Häme der Krippen-Ideologen

Reich und unbeliebt ist besser als arm, aber sexy. Das weiß Deutschland in der EU, aber auch Bayern. Es sollte sich durch rot-grünen Siegestaumel nach dem Betreuungsgeld-Urteil nicht beirren lassen.

Welch ein Jubel, welch eine Freude unter den politisch rot-grün-dunkelrot Gefärbten: "Ha! Das Betreuungsgeld, dieses vermeintliche Fehlkonstrukt wie aus dem Kutschen-Zeitalter - geköpft von der Karlsruher Guillotine." Großer Sieg also für die kleinen Jakobiner in den politisch so immens erfolgreichen (Achtung, Ironie!) Staatskanzleien zwischen Kiel, Bremen und Mainz und - muss man das noch erwähnen? - in den Politparty-Milieus von Kreuzberg und Prenzlauer Berg. Letzteren scheint ohnehin beinahe alles, was aus den politischen Bräustüberl im vergleichsweise erfolgreichen Bundesland Bayern kommt, ein Graus, ein Beleg gesellschaftlicher Rückständigkeit und Herrgottswinkelei zu sein. Mit Verlaub: Wäre diese drollige Haltung und geistig-politische Fehlstellung nicht so lachhaft und vorurteilsbeladen, müsste es einem Tränen in die Augen treiben.

Der Klassenprimus Bayern gilt seit Längerem in weiten Teilen des übrigen Landes als das, was der EU-Klassenbeste Deutschland in jenen Euro-Ländern ist, die ihrer selbst verschuldeten Probleme kaum Herr werden: als der eigentlich Schuldige nämlich, der sich Häme und Vorwürfe verdient hat. So wie Deutschland in der Euro-Gruppe, so trägt das Bundesland Bayern beim innerdeutschen Länderfinanzausgleich seit Jahren die Hauptlast, wobei hier die Vorteile, es besser zu machen als andere, nicht verschwiegen werden sollen. Reich und unbeliebt ist eben besser als arm, aber sexy. Bis zu fünf Milliarden jährlich fließen von der Isar in ökonomisch trübere Gewässer wie Weser und Spree. Dort jedoch feiert man große Feste, wenn der Geldgeber beim Bundesverfassungsgericht und bei der EU-Kommission (Maut) einmal auf die Nase fällt beziehungsweise unangenehm auffällt. Die Schadenfreude der Minderbegabten beim Straucheln des Primus, noch dazu vor der gesamten (politischen) Klasse, mag menschlich nachvollziehbar sein. Für ein politisches Reifezeugnis reicht die Kinderei aber nicht.

Manche in der Linkspartei, deren politische Ahnen die Staats-Kinderkrippen-Ideologie der DDR wohl als ebenso logisch empfanden wie den Schießbefehl gegen Republik-Flüchtlinge, haben das Karlsruher Urteil bewusst missverstanden. Das Gericht hat nämlich nicht festgestellt, dass das Betreuungsgeld als sehr bescheidene staatliche Anerkennungsleistung fürs Zuhause-Erziehen der Kleinsten verfassungswidrig sei. In seinem Kern bedeutet das Urteil eine Stärkung des Föderalismus. Die Länder, denen das Betreuen der Kleinsten im Elternhaus so am Herzen liegt wie ein vernünftiges Kindergarten-Angebot, die also Zuhause-Betreuung nicht stigmatisieren, sollten sich von Chefideologen angeblich einzig wahrer Erziehungsmethodik nicht beirren lassen.

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(RP)