Kolumne "Total digital": Das ist typisch deutsch

Kolumne „Total digital“ : Typisch deutsch

Im Urlaub wird unsere digitale Rückständigkeit offenkundig.

Es ist egal, ob wir Urlaub in den Niederlanden, USA, Frankreich, Island, Norwegen oder wie jetzt in Dänemark gemacht haben, auf eines war Verlass: den Deutschen erkennt man immer sofort – auch von weitem. Früher waren es vor allem die Jack-Wolfskin-Jacken, die ihn verraten haben, heute ist es immer häufiger seine digitale Rückständigkeit.

Beispiel Bornholm: Die dänische Insel ist ein beliebtes Reiseziel für Deutsche, uns eingeschlossen. Es gibt dort herrliche Strände, kleine Örtchen mit den typischen bunten Häuschen, sehr viel Kunsthandwerk – und nahezu flächendeckend schnelles mobiles Internet.

Das prägt offensichtlich. Nachdem vor einigen Jahren die lokale Bäckerei geschlossen hat, gibt es in dem Ort, in dem wir ein Ferienhaus gemietet hatten, inzwischen nur noch einen Bäckerwagen, der jeden Morgen kommt und von der Ladefläche aus Brötchen, Brot und Kuchen verkauft. Die Ware wird im Laderaum und auf einem aufgestellten Klapptisch präsentiert – auf dem zwischen all dem Gebäck auch ein kleines weißes Gerät stand, für Mobile Payment.

Egal ob beim Bäcker oder im Supermarkt, im Lokal oder der Töpferei, überall konnte per Smartphone oder Kreditkarte bezahlt werden. Trotzdem hatte ich hunderte Kronen Bargeld in der Tasche, die ich vorab extra über die Sparkasse bestellt hatte. Und offenbar war ich nicht der einzige. Immer, wenn man irgendwo jemanden mit Bargeld hantieren sah, konnte man davon ausgehen, dass es sich um einen Deutschen handelt. Die Dänen hingegen zahlten wie selbstverständlich elektronisch.

Ich glaube, das hat nicht viel mit der Liebe der Deutschen zu Scheinen und Münzen zu tun, sondern auch damit, dass in Deutschland die digitale Infrastruktur viel schlechter ist als im Ausland. Wir sind es gar nicht gewohnt, dass man überall bargeldlos zahlen kann. Ein Bäckerwagen könnte hierzulande gar kein mobiles Bezahlen anbieten, weil er sich nicht darauf verlassen könnte, überall ausreichend Empfang zu haben. Und umgekehrt stecken wir daher immer lieber etwas Bargeld ein, um auch jederzeit zahlen zu können. Nur Bares ist Wahres – das gilt in Deutschland auch noch heute. 

Manchmal frage ich mich, wie Menschen aus dem Ausland unser Land wahrnehmen, wenn sie hier Urlaub machen. Ob in ihren Reiseführern als Tipp steht: „Decken Sie sich ausreichend mit Euro ein, Deutschland ist eine Service-Wüste, in der man häufig nicht mit Karte zahlen kann“. Ich hoffe es nicht. Aber sicher bin ich mir nicht.

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