Kolumne Christoph Schwennicke: Gefährliche Fehlentwicklung

Kolumne: Berliner Republik : Gefährliche Entwicklung

Es ist eine deutsche Spezialität, den Fehler zuerst immer bei sich zu suchen.

Am Wochenende feierten auch in Deutschland muslimische Israel-Hasser den Al-Quds-Tag, um dem Ziel der Auslöschung Israels zu huldigen. Der Schandtag bot Anlass, über zunehmenden Antisemitismus in diesem Land zu debattieren.

Es ist eine Schande, dass jüdische Einrichtungen geschützt werden müssen. Es gibt widerlichen Antisemitismus von linksaußen und rechtsaußen. Aber es ist auch klar, dass der Anstieg des Antisemitismus zuletzt auch mit der muslimischen Migration zusammenhängt. Es ist aber eine deutsche Spezialität, den Splitter im eigenen Auge zu sehen als den Balken im Auge des anderen. Aus drei berechtigten Gründen: Zwei angezettelte Weltkriege und ein monströser Genozid. Dafür tragt dieses Land die Schuld und die Nachgeborenen Verantwortung. Aber ist das ein Grund, immer schuld zu sein? Beispiel Klimaschutz: Man könnte meinen, von Deutschland ginge zu allererst der menschengemachte Anteil des Klimawandels aus. Aber wo gibt es ein Land, das bei so wenig Ressourcen an CO2-freier Energiegewinnung so viel dafür getan hat, die Dinge besser zu machen? Beispiel Migration und Integration: Kein anderes Land, das nicht unmittelbare Grenzen mit der Region hat, hat so viele Flüchtlinge aufgenommen. Trotzdem wird der Eindruck erweckt, als verhalte sich Deutschland wie eine hartherzige Festung des Wohlstands. Ähnliches gilt für die Integration: Zu ihr gehören diejenigen, die aufnehmen, und diejenigen, die in eine Gesellschaft voll aufgenommen werden wollen.

Es ist eine ehrbare menschliche Charaktereigenschaft, den Fehler zuerst bei sich zu suchen. Es ist aber eine gefährliche Fehlentwicklung, wenn diese kollektive Eigenschaft zur Obsession wird und den Blick auf die Realitäten verstellt – oder verstellen soll.

Christoph Schwennicke ist Chefredakteur des „Cicero“ und schreibt regelmäßig an dieser Stelle. Ihre Meinung? Schreiben Sie unserem Autor: kolumne@rheinische-post.de

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