"Holocaust" und Robert Menasse: Auschwitz als Mittel zum Zweck

Kolumne: Gesellschaftskunde : Auschwitz als Mittel zum Zweck

Aus dem Holocaust Film und Literatur zu machen, muss stets der Erinnerung dienen.

Auschwitz ist wieder im Fernsehen. 40 Jahre nach der Erstausstrahlung zeigen WDR, NDR und SWR noch einmal „Holocaust“, den Vierteiler über das Schicksal einer fiktiven jüdischen Familie. Für viele Deutsche war das 1979 die erste visuelle Begegnung mit dem Grauen des Judenmords, ein Wendepunkt der kollektiven Erinnerung, ein bisschen wie für meine Generation 1993 „Schindlers Liste“. Bloß war „Holocaust“ viel umstrittener. An beiden Werken gab es heftige Kritik – ihre Melodramatik etwa –, aber bei „Holocaust“ war es grundsätzlicher: Er kommerzialisiere die Schoah. „Holocaust“ sollte Geld einspielen und tat das auch.

Man kann das beklagen. Man kann sogar sagen, so werde Auschwitz instrumentalisiert. Nur: Legitimiert die Wirkung eventuell die Mittel? Die Wirkung heißt: Stärkung der Erinnerung. „Holocaust“ schuf neue Aufmerksamkeit. Als Folge von und mit dem Geld aus „Schindlers Liste“ finanzierte Steven Spielberg eine Stiftung, die Interviews mit 55.000 Überlebenden aufgezeichnet hat. Ein Schatz.

Eine ganz andere Sache ist es, den Holocaust für eigene Ziele zu benutzen, und seien sie noch so ehrenhaft. Deshalb war 1999 Joschka Fischers Verweis auf Auschwitz, mit dem er den Kosovo-Krieg rechtfertigen wollte, so angreifbar. Und deshalb steht Robert Menasse zu Recht in der Kritik, der nicht nur in seinen Roman „Die Hauptstadt“, sondern auch in Interviews dem deutschen Europapolitiker Walter Hallstein eine Rede in Auschwitz angedichtet hat. Im Roman mag das von der Freiheit des Künstlers gedeckt sein; außerhalb ist es bestenfalls geschmacklos – auch wenn Menasse damit mehr europäische Integration begründen wollte. Aber die einzige Instrumentalisierung, die Auschwitz verträgt, ist die der Erinnerung an Auschwitz. Und nur wer sich erinnert, kann sagen: Nie wieder!

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(fvo)