Hier in NRW : Wimpernschlag der Geschichte

Eine erfolgreiche historische Phase geht zu Ende. Der Konsens, Menschenleben um jeden Preis retten zu wollen, geht verloren. Das gute Ergebnis der vergangenen Wochen wird jetzt verspielt.

Gerade geht eine Phase zu Ende, wie es sie in der Geschichte nicht allzu oft gegeben hat. Eine Phase, in der trotz einer Krise Menschenleben bedingungslos über alles andere gestellt wurden. Welch eine zivilisatorische Errungenschaft.

Zu Beginn des Lockdowns stellte kaum jemand die Frage, was es  kosten würde, die Wirtschaft stillzulegen, Schulen und Kitas zu schließen oder Kontaktsperren zu verhängen. Es herrschte in vielen Ländern mit unterschiedlichsten Kulturen breiter Konsens, dass die Gesundheit der Menschen zu schützen all dies rechtfertige – koste es, was es wolle. Diese Zeit endet nun in Deutschland mit den Lockerungen, die Bund und Länder voraussichtlich heute beschließen.

Es ist interessant, wie die Wende nun begründet wird. Nur wenige sind so ehrlich wie Landesgesundheitsminister Karl-Josef Laumann. Der CDU-Politiker räumte freimütig ein, dass die Möbelhäuser öffnen, weil sie für NRW ein wichtiger Wirtschaftsfaktor sind. Die Quittung kam am Wochenende: Auf den Parkplätzen der Ikea-Märkte herrschte ein Andrang wie auf dem Oktoberfest.

Natürlich ist es richtig, angesichts sinkender Infektionszahlen die Wirtschaft schrittweise wieder hochzufahren. Nur muss transparent sein, welcher Logik diese Schritte folgen – und welches Risiko dem jeweils entgegensteht.

Das gilt genauso für das kulturelle Leben. Überraschend öffnete Nordrhein-Westfalen am Montag auch Musik- und Volkshochschulen. Ein Schritt, der kaum nachvollziehbar ist, wenn es doch darum geht, so wenig neue Infektionsketten zu initiieren wie möglich. Ein Klavier, an dem mehrere Schüler hintereinander spielen? Bläserklassen in kleinen Räumen? Das erscheint riskant und ist vorläufig verzichtbar. Wie so vieles, das zurzeit in der Diskussion ist.

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Autorin: kolumne@rheinische-post.de