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Hier in NRW: Eine Mumie namens Ahlener Programm

Hier in NRW : Eine Mumie namens Ahlener Programm

Vor 70 Jahren beschloss die CDU der britischen Besatzungszone ein progressives Wirtschaftsprogramm. Parteichef Konrad Adenauer gelang es damit, den linken Parteiflügel einzubinden.

Ahlen ist ein schmuckes Städtchen im Münsterland mit knapp 52.000 Einwohnern. DGB-Landeschef Andreas Meyer-Lauber wurde in Ahlen geboren und auch der frühere Porsche-Chef Wendelin Wiedeking. Politisch bekannt wurde das Städtchen 1947 durch das Ahlener Programm der CDU der damaligen britischen Besatzungszone, zu der neben Nordrhein-Westfalen auch Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Hamburg gehörten.

Anfang Februar vor 70 Jahren kamen etwa drei Dutzend Vertreter des CDU-Zonenausschusses im Ahlener Lyzeum St. Michael zusammen, um sich angesichts der bevorstehenden Landtagswahlen inhaltlich zu positionieren. Westdeutschland lag damals noch in Trümmern. Die Menschen litten im Hungerwinter — der Rhein war auf einer Länge von 40 Kilometern zugefroren — große Not, waren aber froh, den Krieg überlebt zu haben.

Vor diesem Hintergrund sprach sich die Zonen-CDU für eine umfassende wirtschaftliche Neuordnung aus: "Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden", hieß es im Ahlener Programm. Gefordert wurden die Entflechtung von Konzernen, Mitbestimmung der Arbeitnehmer sowie die Vergesellschaftung der eisenschaffenden Großindustrie und der Kohlebergwerke.

Das Programm war von Parteichef Konrad Adenauer gründlich vorbereitet worden. Der konservative ehemalige Kölner Oberbürgermeister wollte den linken Parteiflügel einbinden. Ihm war ein Dorn im Auge, dass in Düsseldorf Karl Arnold, der 1947 NRW-Ministerpräsident wurde, zunächst für einen christlichen Sozialismus als Mittelweg zwischen Kapitalismus und Staatswirtschaft geworben hatte. Wie von Adenauer erhofft, trug das Ahlener Programm zur innerparteilichen Entspannung bei. Mit den "Düsseldorfer Leitsätzen" von 1949 wurde das Ahlener Programm von der CDU Richtung soziale Marktwirtschaft "fortentwickelt", wie es damals dazu hieß.

Der CSU-Politiker Franz Josef Strauß hat später einmal über das Ahlener Programm gesagt, man solle "die Mumie im Grab lassen". Historisch betrachtet, war es der Versuch, Lehren aus der NS-Diktatur zu ziehen und die CDU für die Wahlkämpfe programmatisch zu wappnen. Das gelang: In NRW wurde sie kurz darauf zur stärksten Partei.

Der Passus, dass Großbetriebe der Grundstoffindustrie und monopolartige Unternehmen in Gemeineigentum überführt werden "sollen", steht übrigens noch immer in Artikel 27 der Landesverfassung.

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(hüw)