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Kolumne: Hier In Nrw: Das neumodische Gerede vom "Quartier"

Kolumne: Hier In Nrw : Das neumodische Gerede vom "Quartier"

Die Menschen wohnen nach eigenem Empfinden in einem Stadtteil oder in einem Viertel. Von "Quartier" sprechen nur Politiker und Technokraten.

Politiker sind zwar redegewandt, aber auch sie können nicht jeden Tag eine neue Botschaft verkünden. Dass sie gern zu bekannten Formeln greifen, muss man ihnen nachsehen, auch wenn es mitunter nervt. Immerhin hat sich eingeprägt, dass unsere Ministerpräsidentin "kein Kind zurücklassen" möchte. Ein Politiker will "die Menschen mitnehmen", kann aber auch mal als "Tiger gesprungen und als Bettvorleger gelandet" sein. Na ja.

Bei manchen Begriffen allerdings durchzuckt es einen. Wie beim "Quartier". Eigentlich versteht man darunter eine Lagerstätte oder eine Truppenunterkunft. Doch Landespolitiker und Verwaltungstechnokraten meinen damit nichts Militärisches, sondern ein Stadtviertel. "Viertel" (auf Französisch: quartier) hört sich offenbar nicht elegant genug an. Deshalb wird von "Quartier" gesprochen. Die NRW-CDU macht das so in ihrem neuen Grundsatzprogramm, und Gesundheitsministerin Barbara Steffens benutzt das Wort schon lange. Die Grünen-Politikerin hat ein Büro für "altengerechte Quartiere" eingerichtet. Es soll die Städte bei der Aufgabe unterstützen, "ihre Quartiere demografiefest zu machen", also Älteren Hilfsangebote zu unterbreiten. Zu Wochenbeginn hat sie dafür "Quartiersmanagerinnen" angekündigt.

Zwar gibt es Parkleitsysteme, die zum "Quartier xy" führen, und mitten in der Düsseldorfer Altstadt entsteht das mondäne "Andreas-Quartier". Doch ich kenne niemanden, der von Quartier spricht, wenn er sein Wohnumfeld meint. Würde man jemanden fragen, in welchem Quartier er lebt, würde man wohl auf fragende Blicke stoßen.

Die Menschen wohnen nach eigenem Empfinden in einem Stadtteil, einem Viertel (oder Veedel) oder an einer bestimmten Straße. Aber Quartier? Hannelore Kraft hat unlängst noch eins draufgesetzt und von "Quartierslotsen" gesprochen. Damit meint sie keineswegs eine Art Schülerlotsen für die Bürger, sondern schlicht das Smartphone, mit dem sich Ältere im Internet eine Übersicht über Angebote für den Alltag verschaffen sollen. Wie sagte die Regierungschefin doch? "Wir wollen die Heimat im Quartier erhalten", denn die Menschen wollten in ihrer Umgebung "gut wohnen".

Und da ist dann auch schon die nächste Floskel, die sich in die Politikersprache eingeschlichen hat, nämlich "gut". NRW sei "das Land der guten Arbeit", betont die Regierung auf ihrer Homepage. "NRW isst gut", versichert Verbraucherminister Remmel, und Hannelore Kraft will, dass frühzeitig in "gute Bildung" investiert wird.

Warum? Na, weil sie kein Kind zurücklassen will.

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(RP)