Kolumne: Gott Und Die Welt: Wir sind nicht Anfang und Ende der Welt

Kolumne: Gott Und Die Welt : Wir sind nicht Anfang und Ende der Welt

Wir scheinen uns in einer Endzeit zu bewegen - jedenfalls sprachlich: In postmodernen Zeiten nimmt der Glaube ans Postfaktische zu.

Nimmt man die Sprache ernst - gewissermaßen also beim Wort -, dann sehen wir nicht nur düsteren Zeiten entgegen, sondern überhaupt keiner Zeit mehr. Denn sprachlich befinden wir uns in einem chronologischen Niemandsland, das vieles hinter sich gelassen hat oder wenigstens zu lassen glaubt: das Ende der Literatur, der Kunst, der Demokratie, der Fakten, schließlich auch der Zeit. Als würde die Postmoderne ins Postapokalyptische übergehen - begleitet von Symptomen des Postfaktischen. Als seien wir keine historischen Wesen mehr, mit einer Vergangenheit und einer Zukunft. Als seien wir nur noch Endzeitwesen, die sich davor drücken, über unsere Gegenwart hinauszudenken. Solche Ratlosigkeit wird selbst in der Geschichtswissenschaft ablesbar, die für die Epochen menschlichen Treibens die Antike erfand und das Mittelalter, von der Entdeckung Amerikas bis zur Revolution in Frankreich die Frühe Neuzeit kreierte, hernach die sogenannte Neuere Geschichte (bis zum Ersten Weltkrieg) und schließlich - was blieb da noch übrig? - die Neueste Geschichte. Und dann? Es mag bisweilen gut tun, etwas hinter sich lassen zu können. Doch ist die Frage damit noch nicht beantwortet, was folgen wird. Natürlich sollte man die Welt und ihre Zeitmessung nicht von Begriffen abhängig machen. Doch sind sie durchaus ein Symptom für das Bewusstsein, dass wir das Hier und Jetzt zum Mittelpunkt der Menschheitsgeschichte erklären, besser vielleicht: verklären. Darin spiegelt sich die Unfähigkeit, über uns und unsere Zeit hinauszudenken. Wer nicht allein auf die Gegenwart fixiert bleibt und sich in Beziehung auch zur Vergangenheit setzt, relativiert seine Existenz. Wir sind nicht Anfang und Ende des Weltganzen, obwohl wir das Internet erfunden und das Smartphone zum Gott erhoben haben. Ein Zeichen unserer Hybris ist die zunehmende Glaubensferne. Wer den Sinn der Welt auf sich bezieht, kann nicht mehr auf Instanzen bauen, die zeitlos gültig sind.

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(RP)