Kolumne: Gott Und Die Welt: Wenn das Handy auf Distanz zu uns geht

Kolumne: Gott Und Die Welt : Wenn das Handy auf Distanz zu uns geht

Selfies hatten bislang einen entscheidenden Nachteil: Es bleiben stets fotografische Selbstporträts nur auf Armeslänge. Gott sei Dank: Für unsere Smartphones gibt es jetzt endlich eine Verlängerung.

Der letzte Schrei ist die Verlängerung unseres Arms. Nicht chirurgisch, sondern mehr oder weniger plump mit einem dieser Leichtmetallstäbe, der an die nicht weniger skurrilen Laubaufsammler mit Greifkralle erinnert. Damit wurden einst Schüler ausgestattet, die sich im Unterricht etwas gelappt hatten und dann für ein paar Minuten ihrer Pause zur Entfernung des Herbstlaubs verdonnert wurden. Wobei nicht das Laubsammeln an sich das Bescheuerte war, sondern die Gerätschaft.

Ein paar Jahrzehnte später ist der kleine Bruder des Laubsammlers auf dem Markt, und diesmal als Objekt unserer Kaufbegierde. Zumal am Ende des Metallstäbchens keine Kralle wartet, sondern eine Halterung fürs Handy. Damit kann man sein Mobiltelefon auf Distanz zu sich bringen. Das ist zwar für die Kommunikation undienlich, für das Fotografieren aber eröffnet es neue Dimensionen. Vor allem für jenes Genre der Handy-Fotografie, das wir Selfie nennen und das Wikipedia definiert "als eine Art Selbstporträt auf Armeslänge". Das ist veraltet, denn der ungeheure technische Fortschritt hat aus der Armeslänge eine Armeslänge plus Metallstäbchen gemacht. Unwillkürlich muss man an Schimpansen denken, die für sehr schwierige Verrichtungen kleine Holzstöckchen als Werkzeug zu nutzen wissen.

Um dorthin zu gelangen, hat der Mensch tollkühne Entwicklungsschritte vollzogen. Zunächst erfand er mit der Daguerreotypie in den 1830er Jahren ein Bildgebungsverfahren, mit dem wir all das noch einmal sehen konnten, was wir auch mit bloßem Auge schon sahen. Wir verdoppelten fortan die Welt im Bild, mal kunstvoll, mal dokumentarisch, und bis heute mit wachsender Begeisterung. Lange schien dabei Erich Kästner mit seinem bedenkenswerten Zweizeiler recht zu behalten: "Merke dir, weil es immer gilt: Der Fotograf ist nie auf dem Bild." Dann aber richteten die Fotografen ihre Kamera hemmungslos auf sich. Wir sahen also nicht nur die Welt, sondern auch uns. Das entspricht dem Gestaltungsanspruch des modernen Menschen. Und das Selfie war die radikale Weiterentwicklung davon, weil die Armeslänge kaum mehr auf dem Bild zuließ als das Gesicht des Fotografen. Der Metallarm ist so gesehen eine Revolution. Mit der größeren Distanz rückt die Welt wieder mit ins Bild. Um das zu sehen, brauchen wir bloß ein Smartphone mit schwer zu durchschauendem Vertrag und ein Metallstäbchen, das wir so weit wie möglich von uns halten. Jeder Schimpanse wird vor Neid erblassen. Oder, was in diesem Fall leichter sein dürfte: ein Mensch werden.

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(RP)
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