Gott Und Die Welt: Was ein Versprechen so alles bedeuten kann

Gott Und Die Welt : Was ein Versprechen so alles bedeuten kann

Jetzt werden die Wahlplakate wieder abgeräumt, und man beginnt sich zu fragen, was Wahlversprechen noch bedeuten. Obacht: Kaum ein deutsches Wort ist so geschmeidig wie das Versprechen.

Auch in unserem Dorf werden jetzt die Wahlplakate abgehängt. Vielleicht um Platz zu machen für die Werbung des Zirkus, der seit ein paar Jahren bei uns überwintert und ab und zu eine Vorstellung gibt. Die Zeit des Einpackens und des Aufräumens ist keine gute Zeit für Visionäre. Sie ist vielleicht so etwas wie eine kurze Schrecksekunde. Wie leer plötzlich die Straßenlaternen wieder sind, und wie kurzlebig manches doch erscheint. Die letzten noch verbliebenen und zum Teil bekritzelten Polit-Poster (häufigster Eingriff ist immer noch das Hitler-Bärtchen) erinnern darum an Vanitas-Motive. "Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden", hat Gryphius zu einer Zeit gedichtet, als vor lauter Despotismus Wahlen nicht in Mode waren.

Dabei sollten unsere Wahlplakate doch alles andere als nichtig und eitel sein; sie sind ein Versprechen auf die Zukunft. Aber warum wird das Vollmundige so hurtig wieder unseren Blicken entzogen? All die guten oder doch gut gemeinten Wahlversprechen. Die, nachdem sie beim Wähler auf dem Prüfstein standen, jetzt noch einmal nachsitzen müssen und einer zweiten Expertise unterzogen werden. Das Thema der Steuererhöhung ist so ein Fall. Doch der moralisch motivierte Ordnungsaufruf "Versprochen ist versprochen" ertönt oft erst, wenn das meiste eh schon zu spät ist. Die mahnende Erinnerung an ein Versprechen ist ja schon die erste Erosion seiner Wirksamkeit.

Das wiederum liegt in der Natur der Sache, vielleicht weniger der politischen, sondern der sprachlichen. Denn kaum ein anderes Wort im Deutschen ist derart geschmeidig wie das Verb "versprechen": Man kann – wie im Wahlkampf geschehen – etwas versprechen und damit anderen etwas zusagen. Aber: Man kann sich auch selbst von einer bestimmten Sache etwas versprechen und sich damit etwas erhoffen. Man kann sich einander versprechen – wie es Paare tun. Und schließlich kann man sich ganz einfach nur so versprechen, also etwas sagen, was man eigentlich gar nicht sagen wollte, was einem aber irgendwie rausgerutscht ist.

Im Grunde ist es schade, dass die Wahlplakate jetzt wieder verschwinden. Schon wegen der lokalen Kandidaten von exotischen Parteien, von denen man zuvor nie etwas gehört hat und die jetzt mit ihren Versprechen auch wieder verschwinden werden.

Bald wird der Zirkus kommen und mit ihm die bunten Plakate voller verrückter Versprechungen. Seinen Namen aber kennt im Dorf jeder.

Ihre Meinung? Schreiben Sie unserem Autor: kolumne@rheinische-post.de

(RP)
Mehr von RP ONLINE