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Gott Und Die Welt: Warum eine Welt aus Gewissheiten ziemlich grau ist

Gott Und Die Welt : Warum eine Welt aus Gewissheiten ziemlich grau ist

Wir brauchen Sicherheiten in unserem Leben, auch wenn diese manchmal konstruiert und künstlich sind. Farbe ins Spiel kommt oft erst mit ein wenig kritischem Abstand.

Unsere Welt - man kann es ruhig einmal so pauschal sagen - beruht auf vielen und nur dürftig hinterfragten Gewissheiten. Im Großen wie im Mickrigen. So ist es uns am Morgen selbstverständlich, dass die Sonne aufgegangen ist und die Erde uns trägt. Und wir machen (jetzt ein paar Nummern kleiner gedacht) auch kein übermäßig überraschtes Gesicht, dass das Auto seinen Dienst verrichtet und die Milch nach Milch schmeckt. Wer solche Vertrautheiten vielleicht aus Übermut hinterfragt, wird von seinen Mitmenschen bestenfalls als Grübler angesehen. Wahrscheinlicher aber finden sich, sagen wir mal: prägnantere Charakterisierungen.

Doch wer einmal damit begonnen hat, den Gewissheiten mehr kritische Aufmerksamkeit zu schenken, kommt plötzlich aus dem Staunen nicht mehr heraus - manchmal auch über ziemlich alberne Dinge. Etwa: Warum sich Matratzengeschäfte immer in Eckhäusern wiederfinden. Oder warum China-Restaurants (zumindest die Klassiker unter ihnen) stets in der ersten Etage untergebracht sind. Sicher, darauf wird es mit Sicherheit triftige Antworten geben, wahrscheinlich von irgendwelchen gewieften Verkaufsstrategen.

Unser Leben bleibt ein Leben auch aus solchen Selbstgewissheiten; und wahrscheinlich würden wir auch gar nicht funktionieren und den Anforderungen des Tages gerecht werden können, würden wir der Welt mit allzu viel Abstand und naiven Warum-Fragen permanent entgegentreten. Wir brauchen Sicherheiten, auch wenn wir wissen, wie konstruiert und künstlich sie bisweilen sind. Das aber muss ja nicht bedeuten, das Staunen gleich ganz aufzugeben. Zum Beispiel über all die Hamsterräder, die wir mitunter in Bewegung setzen und die uns in den Glauben versetzen, bloß weil das Rad sich so hübsch dreht, kämen wir tatsächlich damit prima voran.

Aber darum sind Irritationen in unserem Leben so wichtig, kleine oder größere Störungen. Und wer diese nicht immer nur als Fehler im System, sondern vielleicht sogar das System als Fehler begreift, verwandelt seine Welt. Setzt plötzlich neue Prioritäten; wird vielleicht gelassener und sehr oft beschenkt mit einem reicheren Leben, das auf Gewissheiten zwar nicht ganz verzichtet, das aber um ihren Wert weiß, um ihren Sinn und vor allem ihren Unsinn. Eine Welt aus Selbstverständlichkeiten ist eine Welt aus lauter grauen Tönen. Die Farbe kommt mit der Überraschung und vielleicht dann auch mit der Freude darüber, das heute wieder einmal die Sonne so hübsch aufgegangen ist.

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(RP)