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Gott Und Die Welt: Warum die Gabe mehr ist als nur ein Geschenk

Gott Und Die Welt : Warum die Gabe mehr ist als nur ein Geschenk

Mit den Gaben Gold, Weihrauch und Myrrhe wurde an der Krippe Gottes Sohn gehuldigt. Gaben sind mehr als eine Geste, sie beschreiben Fähigkeiten. Außerdem: Gaben knüpfen Beziehungen, Geschenke aber werden verpackt.

Eine besinnliche Advents- und Weihnachtszeit wünschen wir uns alle — mit bewährter Routine und wachsender Begeisterung. Aber das ist nur ein frommer Wunsch, weil die meisten schon längst besinnungslos geworden sind. Jeder Adventssamstag im Einkaufszentrum einer deutschen Großstadt dokumentiert diesen Befund. Natürlich sind das Binsenweisheiten. Das aber macht die Beobachtung keineswegs hinfällig: Die rustikale Kommerzialisierung von Christi Geburt markiert lediglich den Ausläufer eines Bewusstseinswandels. Keine Frage, auch die wachsende Säkularisierung spielt eine Rolle. Doch erfasst der hektische Weihnachtseifer vielfach auch jene, die religiös noch sprachfähig geblieben sind.

Vielleicht liegt es ja daran, dass wir vergessen oder verlernt haben, was eine Gabe ist. Und dass wir glauben, ein Geschenk sei dasselbe. Mit den Gaben fängt manches an in dieser über 2000 Jahre alten Geschichte. Von Gold, Weihrauch und Myrrhe ist die Rede, mit denen dem Neugeborenen in der Krippe zu Bethlehem gehuldigt wird. Wer sie überbringt — darüber schweigen die Evangelisten. Von den drei Gaben hat man irgendwann die Pilgerzahl abgeleitet — pro Kopf eine Gabe. Zu Königen werden sie erst beim römischen Theologen Tertullian (160—220), und weil es sich gut macht, dass edle Herrscher sich zu Gottes Sohn begeben, festigt sich bald diese Version.

Heute spricht man lieber wieder von Magiern und Sterndeutern. Im frühen Mittelalter kommen dann noch ihre Namen Kaspar, Melchior und Balthasar hinzu. Der Rang des Gebers ist im Matthäus-Evangelium unbedeutend, weil es auf die Gabe ankommt. Durch sie wird auch der Geber charakterisiert, schließlich beschreiben wir mit einer Gabe auch die Fähigkeit eines Menschen. Selbst in der Opfergabe und der Kundgabe ist der Absender noch erkennbar. Während das Geschenk als eine freiwillige Übertragung von Eigentum definiert wird, bleibt der Geber in der Gabe präsent.

So gesehen haben Gold, Weihrauch und Myrrhe damals nicht einfach den Besitzer gewechselt; der Kreis der Besitzer ist mit ihnen größer geworden. Gold, Weihrauch und Myrrhe können so auch als Zeichen einer ersten christlichen Gemeinschaft gesehen und ihre Geber in den Kreis der Heiligen aufgenommen werden. Die Gabe ist mehr als eine Geste und der ehrliche Wunsch, eine Freude zu bereiten. Gaben knüpfen Beziehungen; Geschenke aber werden verpackt. Die Idee vom Schenken hat sich längt entwickelt — hin zum Gutschein. Der macht den Gebenden gleich zum Überweisungsträger und den Beschenkten zum Zahlungsempfänger. Nur ohne Iban-Nummer.

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(RP)