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Gott und Die Welt: Warum das Schlaraffenland nicht wünschenswert ist

Gott und Die Welt : Warum das Schlaraffenland nicht wünschenswert ist

Die Sehnsucht nach Faulheit wächst in Zeiten zunehmender Leistungsanforderung. Doch ruht darin noch keine wünschenswerte Utopie.

Zu den großen und vielleicht heimlichen Utopien der Leistungsgesellschaft zählt die Vorstellung vom Schlaraffenland. Für alle Träumer: In den Flussbetten fließen statt Wasser Milch, Honig oder sogar Wein. Die Häuser sind aus Kuchen gebaut, und ein Jungbrunnen spendiert die Medizin gegen das Älterwerden. Vor allem: Harte Arbeit und Fleiß gelten dort als Sünde. Diese Vorstellungen sind derart überzogen und überzuckert, dass dahinter eher der Frust ihres Schöpfers steht. Es ist eine ganz und gar menschliche Vorstellung von einem Paradies auf Erden - zünftig ignorierend, dass auch im Paradies der Arbeit keineswegs abgeschworen wird.

Das Schlaraffenland ist darum auch keine Verwandlung unseres leistungsorientierten Alltags, sondern dessen Verneinung. Es entwickelt auch keine Vorstellung vom guten und sinnfälligen Leben. Und die Folgen sind auf dem berühmten Gemälde von Pieter Bruegel dem Älteren zu sehen: dicke Männer, auf dem Rücken liegend, ermattet von all der Völlerei. Glück sieht anders aus. Spannend an diesem Bild ist seine Entstehungszeit Mitte des 16. Jahrhunderts. Bruegel ist ein Maler der Renaissance, also jener Epoche, in der das moderne Banken- und Geldwesen erwachte und tätig wurde. Man kann heute nur noch erahnen, welche Beschleunigung damals das Leben bekam - im Guten wie im Schlechten. Der Mensch beginnt, unzufrieden zu werden mit dem, was er hat. Und er macht die Erfahrung, dass sich selbst mit zunehmendem Besitz Zufriedenheit nur selten einstellt. Der Genuss des Erworbenen wird immer weiter zurückgestellt, weil es immer wieder etwas anderes zu erwerben gibt. Darin liegt ein komisches Versprechen: Die Gegenwart mag gut sein, das Beste aber ist immer die Zukunft. Damit habe der Kapitalismus den christlichen Heilsgedanken säkularisiert, sagt der Schriftsteller Lukas Bärfuss. Die Zukunftsorientierung unseres Lebens spiegelt sich auch in der Erfindung des Kredits. Wir nehmen Mittel in Anspruch für eine Leistung, die wir erst noch erbringen müssen; wir begeben uns in eine Schuld und somit in die Abhängigkeit des Zukünftigen. Auch das ermuntert bei zunehmender Anforderung zum Boykott. Über das Recht auf Faulheit wird derzeit diskutiert. Das hört sich zunächst nach vernünftiger Entschleunigung an. Doch hinter der Faulheit steht nur Leere, steht Fäulnis, nicht Harmonie. Die Sehnsucht nach Faulheit meint die Ignoranz von Zukunft und Gegenwart. Auch eine Ahnung vom Tod kann dieser Ambitionslosigkeit innewohnen. Die Vorstellung vom Schlaraffenland ist ein Symptom, keine wünschenswerte Utopie.

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(RP)