Gott Und Die Welt: Wann wird es endlich wieder Herbst und Winter?

Gott Und Die Welt : Wann wird es endlich wieder Herbst und Winter?

Alle reden vom Wetter. Wir auch. Weil irgendein Wetter immer ist und es seit der sogenannten Aufzeichnung der Wetterdaten nie mehr vergessen wird. Das hat Folgen selbst beim Brötchenkauf.

In der morgendlichen und bereits schweißtreibenden Warteschlange vor der Backstube unseres Dorfes ist jetzt beschlossen worden, dass derjenige, der erstmals in heiterer Ironie den Rudi-Carrell-Endlich-Sommer-Gassenhauer zu singen, zu pfeifen oder nur zu summen beginnt, mit Altgebäck nicht unter sieben Teilen bestraft werden soll. Diese rigorose Maßnahme zielte allein darauf ab, dass das Wetter kein Thema sein sollte. Wodurch es natürlich sofort ein Thema war. Und daran schloss sich die Frage an, warum das Wetter nicht nur ein Thema ist, sondern sogar unser Lieblingsthema.

Liegt es vielleicht bloß daran, dass immer irgendein Wetter ist? Mal schneit es, mal streicht ein Wind durchs Kornfeld, anderntags plästert es wie bekloppt, dann ist es wieder schwül oder gar wahnsinnig heiß, super- oder brütend heiß. Wetter ist also immer. Aber dass wir uns darüber Gedanken machen und Worte verlieren, markiert zweifelsohne einen nicht unbedeutenden Schritt unserer Zivilisation: Das Wetter hat sich in das Gedächtnis der Menschheit eingebrannt und ist spätestens mit der sogenannten Aufzeichnung der Wetterdaten erinnerungsfähig geworden — weit über die Qualität von Bauernregeln hinaus. Damit hat das tägliche Wetter seine Unschuld verloren. Plötzlich wird ein Tag zum heißesten seit besagter Aufzeichnung, oder zum regenreichsten, kältesten oder trockensten. Kein Wetter wird mehr vergessen.

Darum sind die, die es verkünden, die Seher unserer Zeit und fast so berühmt wie Popstars. Claudia Kleinert etwa, unsere Lara Croft der Wettervorhersage. Oder Sven Plöger, der zwar keine Augenweide ist — wann endlich wird uns Ingo Zamperoni das Wetter verkünden? —, der aber durch gnadenlose Kompetenz besticht. Allein sein melodischer Singsang, mit dem er das Wort "Tagesthemenströmungsfilm" dahersagt, ist jede Rundfunkgebühr wert.

Die Brötchenschlange war nun weiter nach vorn gerückt und die Auslage fast schon in Reichweite, da begannen unsere Kommentare postmoderne Zitate früherer Reden zu werden. Besser so ein Wetter als überhaupt kein Wetter, erklang es links vorne. Und gleich neben mir: Ihr werdet euch noch nach den warmen Tagen zurücksehnen.

Mir fielen jetzt noch die "Hundstage" ein, zumal das betreffende Haustier sich heute Morgen stur geweigert hatte, mich zum Bäcker zu begleiten. Tja, kam es dem Wartenden erst in den Sinn und dann über die Lippen: Was ist eigentlich aus dem guten alten Wetter unserer Kindheit geworden, dem Wetter, so wie es früher einmal war? Da drehten sich fünf Köpfe gleichzeitig zu mir um.

Es wird schwierig sein, daheim am Frühstückstisch das mitgebrachte Altgebäck zu erklären.

Ihre Meinung? Schreiben Sie unserem Autor: kolumne@rheinische-post.de

(RP)
Mehr von RP ONLINE