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Kolumne: Gott Und Die Welt: Unser Recht auf Privatheit ist ein hohes Gut

Kolumne: Gott Und Die Welt : Unser Recht auf Privatheit ist ein hohes Gut

Die moderne Kommunikationsgesellschaft hausiert mit dem Versprechen auf umfassende Transparenz. Doch ein Gewinn an Freiheit ist das nicht.

So haben wir uns das nicht gedacht: dass der Segen der neuen Medien auch ein Fluch werden könnte. Träumten wir nicht alle von der Aufklärung für alle? Und damit auch von ihrer Mündigkeit? Diese Hoffnung gibt es nach wie vor. Nichts daran ist falsch. Doch scheinen wir das Ausmaß jener Revolution, die sich hinter dem betulich klingenden Begriff des Kommunikationszeitalters versteckt, nicht geahnt zu haben. So drehen sich viele Debatten der zurückliegenden Monate, die uns berührten und empörten, um Kommunikation, um unseren Umgang mit persönlichen Daten sowie die Schwelle zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre - etwa die NSA- und BND-Affären, die Diskussionen um die sogenannte Vorratsdatenspeicherung; auch unser Verhalten auf Verlautbarungsplattformen wie Facebook, Twitter oder WhatsApp.

Das sind Ausläufer des Wandels unserer Art zu leben, vielleicht auch unserer Notwendigkeit und Alternativlosigkeit. Das kann man mit dem allmählichen Verlust der Privatsphäre als ein Zeichen gesellschaftlicher Erosion beschreiben oder als epochale Erscheinung: "Post-privacy" heißt dann das Zeitalter, in das wir hineingeraten sind. Mittlerweile droht das Private sogar in Verruf zu kommen und gleichgesetzt zu werden mit Rückzug und Abkapselung von einer Gesellschaft, die Transparenz zum hohen Gut erklärt und zu ihrem vermeintlich demokratischen Indiz erhoben hat.

Das Private aber ist keine Laune der Natur, sondern ein kulturelles Gut, das dem Bürgerbewusstsein des 19. Jahrhunderts entsprungen ist. Privatheit ist ein Ausdruck von Emanzipation. Danach hat jeder ein Recht, allein zu sein. Das Private wird zu dem von uns selbst abgesteckten und behüteten Areal, von dem wir nichts preisgeben müssen. Alles, was von dort kommuniziert wird, liegt in unserer Hand. Diese selbstbestimmte Form von Kommunikation scheint nur noch in exotisch wirkenden Reservoirs zu überleben: in der Beichte oder - als Verweigerung - in den immer beliebter werdenden Schweigexerzitien.

Dort ist noch möglich, was nach den Worten des früheren Google-Chefs Eric Schmidt sonst kaum noch möglich ist: "Wenn Sie etwas machen, von dem Sie nicht wollen, dass es irgendwer erfährt - dann sollten Sie es vielleicht gar nicht erst tun." Radikale Öffentlichkeit ist kein Gewinn von Freiheit, sondern deren Beschränkung. Die technische Möglichkeit, unbegrenzt zu kommunizieren (und wahrscheinlich künftig sogar zu müssen) darf nicht mit Freiheit verwechselt werden. Ein Leben unter steter Beobachtung, so die Literaturwissenschaftlerin Claudia Stockinger, führt gerade nicht zur Offenlegung des eigenen Tuns, sondern zu dessen Maskierung.

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(RP)