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Kolumne: Gott Und Die Welt: Unser Recht auf das digitale Vergessenwerden

Kolumne: Gott Und Die Welt : Unser Recht auf das digitale Vergessenwerden

Zumeist sind es ältere Damen, die gestehen, das Internet gelöscht zu haben. Über eine solche Naivität lachen wir uns dann schlapp. Warum eigentlich?

Der älteste Gassenhauer unserer digitalen Welt geht so, dass ein Mensch (zumeist älter und fast immer eine Frau) einem anderen Menschen (zumeist jünger und fast immer ein Mann) gesteht, er habe das Internet gelöscht. Durch irgendeine Fehlbedienung. Wir lachen dann alle aus zwei Gründen: Zum einen ist es technisch unmöglich, quasi per Tastendruck eine derart komplexe Datenwelt auszuradieren. Zum anderen gilt unsere Heiterkeit aber auch der Naivität des vermeintlichen Internet-Killers. Doch dieses Lachen kehrt sich gegen uns selbst. Indem wir die Auslöschung des Internets für absurd halten, zeigen wir, wie erschreckend selbstverständlich das digitale Netz Teil unserer Welt geworden ist.

Dass uns mögliche Gedanken nicht kommen, wie die Welt vor dem Internet gewesen und überhaupt möglich gewesen ist, liegt in der digitalen Natur der Sache. Denn ihrem Wesen nach ist diese Welt nach vorn, also auf die Zukunft gerichtet. Die Gegenwart dient bestenfalls als Abschussrampe; aber eigentlich ist sie uninteressant geworden. Unsere Zukunftsversessenheit im virtuellen Leben bezahlen wir mit dem Warten: auf die nächste Mail, die nächste Nachricht und den nächsten Link auf Facebook.

Fragte man sich früher gelegentlich, woher man kommt, und vergewisserte man sich auf diese Weise seiner Herkunft, so halten wir jetzt Ausschau nach den vielen Möglichkeiten neuer Wege mit der Hoffnung, niemals anzukommen. Denn Identität und Ankunft werden zu Synonymen für Stillstand. Gelegentlich erschrecken wir noch über unsere eigene Vernetzung. Wenn wir erfahren, was Facebook über uns schon weiß und künftig noch wissen möchte: um uns noch viel relevanter, also zielgenauer zu bewerben als bisher. Und wieder lachen wir, wenn ulkige Beispiele für fehlgeleitete Werbung bekannt werden, meist aus dem zwischenmenschlichen Bereich. Doch ist auch dies bloß das traurige Lachen des auf frischer Tat Ertappten. Noch unterscheiden wir zwischen Offline- und Online-Welt - eine Grenzziehung von nur noch ungewisser Dauer. Über die ältere Dame, die vermeintlich das Internet-Ende herbeigeführt hat, schmunzeln wir. Doch mit welchem Ernst verfolgen wir die Arbeit des europäischen sogenannten Löschbeirats? Mit seiner Hilfe sollen Suchmaschinen Links auf Antrag eliminieren. Denn auch im Netz gebe es, wie es heißt, "ein Recht auf Vergessenwerden". Das Internet im Zeichen der Auslöschung. Eigentlich ein Witz. Doch der scheint vor allem eine Angelegenheit älterer Damen zu sein, über deren Ahnungslosigkeit wir uns so köstlich amüsieren.

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(RP)