Gott Und Die Welt: Spielen wir alle zu Karneval nur die Hofnarren?

Gott Und Die Welt : Spielen wir alle zu Karneval nur die Hofnarren?

Der Narr war noch nie ein Terrorist; seine Kritik diente nur als Ablassventil für all den Unmut. Darf man trotzdem lustig sein – auch wenn man in Kindertagen inmitten vieler Cowboys der einzige Indianer auf der gesamten Straße war?

Weil die Gespräche am Frühstückstisch in aller Regel vom Geist des Widerstandes und des alltäglichen Querulantentums beflügelt sind, war jüngst auch von Karneval die Rede. Zunächst aber nur vom Programm der regional-verpflichteten TV-Sender mit Ankündigungen wie diesen: "Mumbach-Narrathon – Sitzung der Mombacher Bohnebeitel" oder "Stockacher Narrengericht". Programmhinweise, die mittelprächtige Panikattacken auszulösen imstande sind. Aber ist das jetzt nicht allzu hochtrabend gedacht? Natürlich ist es das.

Wenn man sich aber erst einmal dazu bekennt, geht es ganz munter weiter. Apropos Narren! Was die sich einbilden – die Herrschaft zu übernehmen! (Da waren längst die Kaffeetassen beiseitegeschoben, um Platz zu machen für einen zwar sehr frühen, im Grunde jedoch harmlosen Prosecco.) Die Narrenumtriebe zu Rosenmontag mit ihrer derben bis unverschämten Politiker-Schelte dienen allein dem herrschenden System. Die Jecken dürfen vorführen, wie es ist, wenn sie regierten. Sie sind die Abschreckung, nach der die etablierten Mächtigen umso vernünftiger erscheinen. Der Hofnarr war noch nie ein Terrorist; er war von jeher Teil des Apparats – ein ulkiges Ventil für all den aufgestauten Unmut.

Diese auch durch das prickelnde Tröpfchen stimulierte Rede wurde gedämpft durch die nicht so ernst gemeinte Gegenfrage, ob es nicht noch etwas theoretischer ginge, also lebensferner. Freilich ist das möglich, doch schien das im Augenblick offenbar nicht so sehr gewünscht. Zumal eine weitere Frage zur Innenschau aufforderte: ob denn der Furor der Kritik nicht vielleicht schon aus Kindertagen rühre.

Das Gespräch wechselte dementsprechend in den inneren Monolog, der nicht erst seit Arthur Schnitzler zu einem Ort quälender Selbsterkenntnis werden kann. Natürlich hat die kindliche Kostümierung Spuren hinterlassen. Die Indianer-Gewandung war zwar schön, unschön war indes, dass man damit den einzigen Indianer auf der gesamten Straße abgab. Die restlichen Kinder gingen als Cowboys. Dabei diente das Kostüm nicht zur ethnographischen Aufklärungsarbeit; es galt lediglich, das Kostüm der älteren Schwester aufzutragen. Und so wurde in jungen Jahren schon leidvolle Geschichte erfahrbar gemacht: So und nicht anders musste sich am 29. Dezember 1890 das Indianergemetzel in Wounded Knee zugetragen haben!

Zurück zum Frühstückstisch, an dem bereits erste Aufräumarbeiten im Gange waren. Jetzt konnte nur noch das Zitat eines Großen helfen, und welch ein Glück, in dieser Bedrängnis bei Thomas Bernhard und seinem Stück "Die Macht der Gewohnheit" fündig zu werden. Darin nämlich gibt Zirkusdirektor Caribaldi zu bedenken: "Der Spaßmacher hat nicht zu lachen. Er hat nichts zu lachen."

Und frohgemut lief ich mit dem aufgeschlagenen Werk zurück ins Küchenzimmer, doch fand sich dort niemand mehr, der meinen Worten lauschen wollte. Bevor ich das Buch aber zuschlug, lächelte mich noch ein anderer Satz an: "Die Wahrheit ist ein Debakel."

Ihre Meinung? Schreiben Sie unserem Autor: kolumne@rheinische-post.de

(RP)