Kolumne: Gott Und Die Welt: Selfies sind Selbstliebe ohne Grenzen

Kolumne: Gott Und Die Welt : Selfies sind Selbstliebe ohne Grenzen

Digitale Selbstbildnisse sind kein Medium probater Selbsterkenntnis. In ihnen tritt oft nur der Wahn einer Inszenierung und Selbsterfindung zutage.

Dieser Foto-Wettbewerb, ausgerufen vom Bistum Essen, dürfte herausfordernd werden, um nicht zu sagen: heikel. Ein "Selfie von Gott" sollen Kinder und Jugendliche suchen, finden und bis 12. Dezember einsenden. Viel Glück dann auch. Zumindest wird Gott damit zum Teil einer Bewegung, die die Menschheit seit geraumer Zeit arg beschäftigt und die mit der puren Lust an Selbstdarstellung nur unzureichend beschrieben ist. Denn Selfies gehen über das, was wir Selbstporträt nennen, weit hinaus. Natürlich hat es Bildnisse von Menschen immer schon gegeben -wir alle haben ein Grundbedürfnis nach Menschen. Wir sind interessiert an und fasziniert von ihnen. Und ein Porträt ist immer auch die Entdeckung eines Menschen. Im Porträt wird etwas sichtbar und damit anwesend gemacht.

Der Schritt vom Porträt zum Selbstporträt aber beschreibt einen Epochenwandel. Und es ist nicht verwunderlich, dass gerade in der Renaissance Künstler immer häufiger und im wahrsten Sinne des Wortes selbstbewusster ein Bild von sich malen. Das Mittelalter verabschiedet sich, die Neuzeit dämmert herauf. Die Gottesgesichertheit der menschlichen Existenz bekommt Risse. Vieles wird plötzlich hinterfragt. Wohin der Mensch jetzt blickt: Er scheint umzingelt zu sein von selbst gemachten Dingen. Die größte Entdeckung aber hat nur drei Buchstaben und ist das Ich.

Seitdem kennen die Selbstbezüglichkeiten keine Grenzen mehr. Auch der Mythos des Narziss dient nicht mehr als Warnung, also die Geschichte des hübschen Mannes, dem ein langes Leben prophezeit wird, solange er sich nicht selbst erkennt. Doch Narziss entdeckt sein Spiegelbild im Wasser und verzehrt sich in entgrenzter Selbstliebe - bis zu seinem Tod.

Tödlich enden immer öfters die Versuche spektakulärer Selfies, bei denen immer größere Wagnisse eingegangen werden. Selbstbild und Selbstinszenierung als Wahn. Wer von sich selbst nicht genug bekommen kann, ist gefordert und muss sich - so eine zwar reichlich abgedroschene, aber doch passende Formulierung - immer wieder selbst neu erfinden. Da helfen auch keine theologischen Exegesen, wie sie jetzt eifrig bemüht werden: dass zum Beispiel ein Selfie von Jesus vielleicht Gott zeigen würde. Bilder aber sind stets vereinnahmend; wer sprichwörtlich im Bilde ist, glaubt alles durchschaut zu haben.

Vielleicht erkennen wir uns daher im Anderen am besten. Das Gebot, sich kein Bildnis zu machen, könnte auch dem modernen Menschen helfen.

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(RP)
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