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Kolumne: Gott Und Die Welt: Schönes neues Leben - automatisiert und perfekt

Kolumne: Gott Und Die Welt : Schönes neues Leben - automatisiert und perfekt

Mit der Technisierung des Alltags delegiert der Mensch Verantwortung an Maschinen. Wir träumen vom scheinbar perfekten Leben - ohne zu wissen, ob es auch das richtige ist.

Vielleicht wird dieser Traum die Menschheit nicht mehr los: der von Maschinen, die das Leben leichter und lebenswerter machen. Das hört sich hinlänglich überholt an, zumal auch dieser Text an einem leistungsstarken Rechner entsteht. Ohnehin scheint sich ein Nachdenken über Automatisierungen zu verbieten, wenn sie fraglos segensreich sind. Ein Operationsroboter, der jeden Eingriff präzise ausführen kann, muss nicht hinterfragt werden.

Nur: So ergibt eins das andere, und in unserer Natur liegt eben auch die Neigung, nicht nur das zu machen, was sinnvoll erscheint, sondern auch, was einfach nur machbar ist. So schreiten Digitalisierung und Automatisierung munter voran. Jüngste Eroberung ist das Auto, das zwar - wie es sein Name schon sagt - unsere Fortbewegung automatisiert hat. Das aber immer noch einer Bedienung bedarf, die bisweilen eine solche Kunstfertigkeit erforderlich macht, dass echte Könner Millionen damit verdienen. Es spricht vieles dafür, dass den Menschen auch dieser Zahn der Eigenständigkeit gezogen wird.

Die Entwicklung eines autonomen Autofahrens wird von einigen Herstellern mit Eifer betrieben und soll, so die Programmierer, unsere Sicherheit erhöhen. Das Auto wird also wieder etwas perfekter und dem Menschen damit zeigen, wie unvollkommen wir im Grunde sind. Unvollkommenheit war bislang ein Wesenszug von uns; daraus ist nun ein Handicap geworden.

Diese Entwicklung darf man nicht schulterzuckend abtun. Indem wir zunehmend Fähigkeiten delegieren, treten wir auch Verantwortung ab. Doch ist es Teil unserer Souveränität und Würde, Verantwortung übernehmen zu können. Scheinbar delegieren wir auch die Gefahr, schuldig zu werden. Fehler sind menschlich, wie auch das Büßen und das Verzeihen. Medienrechtler Rolf Schwartmann sagt: "Der Weg zum Falschen darf in einer freiheitlichen Ordnung nicht versperrt sein."

Hinter vielen technischen Errungenschaften - die mit Zukunftsversprechungen eine enorme Eigendynamik entfachen - scheint unser Wunsch nach Perfektion hervor. Aber was perfekt ist, definieren wir. Wie anmaßend - denn wer weiß, ob im scheinbar Perfekten auch das Richtige ruht.

Einer unserer ersten "Roboter" dürfte der mittelalterliche Golem zu Prag sein, ein aus Lehm erschaffener Menschendiener. Vieles an ihm schien gut, bis der Golem unbeherrschbar wurde und in der Stadt wütete. Da entfernte der weise Rabbi Löw den Zettel unter der Zunge des Golems, auf dem der Name Gottes stand und der ihm Leben gegeben hatte. Daraufhin zerfiel der Golem in viele Stücke.

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(RP)