Gott Und Die Welt: Römische Elegien am Frühstückstisch

Gott Und Die Welt : Römische Elegien am Frühstückstisch

Das Lebensgefühl in der Ewigen Stadt ist ein spezielles – nicht nur in der Phase des Wechsels auf dem Stuhle Petri, aber dann ganz besonders.

Unser Frühstückstisch – der Ort manch bedenkenswerter Unterhaltung – stand jüngst jenseits der Alpen. Geographisch etwas kleinteiliger gesagt: in Rom, einer Stadt, der man viel zugute halten kann und möchte, nur dies nicht: dass dort das Frühstück erfunden wurde. Diesmal war es aber besonders karg, und das hatte Methode. Schließlich wurden das Hörnchen und – für den, der wollte – auch noch etwas Zwieback in einem Gästehaus des Benediktinerordens unweit des Vatikans gereicht. Wer an eine halbe Scheibe Parmaschinken auch nur zu denken wagte, setzte sich dem Verdacht der Völlerei aus.

Einer von vielen elegischen Momenten dieser Tage in Rom, an denen die Stadt zeigt, was sie ist: eine ewige. Wenn hier Geschichte geschrieben wird, nehmen es die Römer so gelassen hin wie Berlusconis politisches Erwachen. Wenn der Papst sich verabschiedet, schließt der Wirt seine kleine Bar an der Via De Gasperi für zwei oder drei Stunden und geht auf den nahegelegenen Petersplatz.

Zwar kommen Römer schon mit dem Handy zur Welt, doch bleibt es für sie das, was es schon in Babytagen gewesen ist: ein Spielzeug, ein nettes Accessoire, mit dem die Teilhabe am modernen Leben dokumentiert wird. Wer aber wirklich etwas erfahren will, geht dorthin, wo sich die Welt auch ereignet: etwa vor der kleinen Lottobude auf der Piazza dell'Uffizio, beim Lebensmittelverkäufer an der Ecke gegenüber oder in der ganz kleinen Enoteca an der Via delle Fornaci, die mit Wein und Spezialitäten vollgestopft ist und in der große Schinken von der Decke baumeln.

Und in diesem Paradies bestellt der ältere Römer dann einen kleinen Teller mit gewürzten Auberginen und einen einfachen Vino bianco. Welcher das sein wird, darüber entscheidet der Wirt; und er wird wie stets richtig entscheiden.

Päpste kommen und gehen, der Petersplatz füllt sich und wird des Abends von einer melancholischen Leere beseelt. Ein kleines Ofenrohr auf dem Dach der Sixtina ersetzt hier das Internet. Römer sind lieber Augenzeugen. So etwas kostet Zeit, die man sich nimmt, weil man weiß, wie vergänglich sie ist. Ein kleines Leben in der großen Ewigkeit, und doch ein Teil davon. Lernen kann man das nicht; man muss es leben.

Derart gestimmt verlässt man den römischen Frühstückstisch und kommt am Wandzettel mit der Tageslosung vorbei, der so vergilbt ist, dass man die Tage seiner Zuständigkeit kaum noch zählen kann: "The early bird catches the worm", heißt es. Moment, wenn der frühe Vogel den Wurm fängt, ist das dann nicht ein Aufruf zur umtriebigen Leistungsgesellschaft? Die junge Nonne aus Indien lacht darüber herzlich und trägt auf einem großen Tablett ein weiteres Hörnchen in den Frühstücksraum.

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(RP)