Gott und die Welt: Quartiere der Einsamkeiten

Gott und die Welt: Quartiere der Einsamkeiten

Öffentliche Plätze finden sich in den neuen Vierteln unserer Städte so gut wie nie.

Auf den ersten Blick sehen die meist quadratischen Kästen modern und beinahe wohnlich aus. Oft mit weißer Fassade, mit bodentiefen Fenstern und guter Ausstattung. Wir alle kennen diese Neubauten, die jetzt entstehen. Das Interessante an ihnen ist, dass es selten Einzelhäuser sind, sondern meist ganze Viertel, die aber nicht Viertel, sondern natürlich Quartiere heißen.

Ein großes Wort, das Urbanität verspricht und Geborgenheit verheißt. Doch dazu fehlt den Bauwerken jede Individualität und größtenteils auch Inspiration. Vielerorts scheint man geradewegs dankbar dafür zu sein, einen Baukörper gefunden zu haben, der vielen Menschen eine Wohnung gibt und der ästhetisch wenigstens akzeptabel erscheint. Und so werden die Quartiere einfach immer wieder kopiert und Entwürfe wie Kochrezepte weitergereicht. Doch sind das wirklich Stadtviertel, in denen man tagsüber flanieren und abends ausgehen möchte? In vielen Quartieren herrscht gediegene Langeweile und kühle Vornehmheit.

Ein Platz für Gemeinschaft findet sich dort fast nie. Viele Quartiere schaffen keine gesellschaftliche Atmosphäre, sondern bündeln viele isolierte Apartments. Die Nachfrage zeigt, dass das funktioniert und offenbar sogar erwünscht ist. Der moderne Städtebau wird so zum Spiegel unseres Zusammenlebens. Die dörfliche Gemeinschaft war in den Großstädten des 19. Jahrhunderts unmöglich geworden.

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Dafür aber gab es den öffentlichen Platz. Er verlängerte quasi den begrenzten Wohnraum und war viel mehr als nur eine unbebaute Fläche. Der freie Platz war der Ort, an dem sich die Gesellschaft traf und dort manchmal auch ihre Meinung laut artikulierte. Jeder Platz bedeutet Kommunikation. Dagegen erscheinen die neuen Quartiere nur noch wie eine traurige Ansammlung von Wohneinheiten.

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(RP)