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Gott Und Die Welt: Obacht bei Karnevalsumzügen in Dresden

Gott Und Die Welt : Obacht bei Karnevalsumzügen in Dresden

Der rheinische Karneval bemüht sich, als immaterielles Weltkulturerbe anerkannt zu werden. Das ist schön – und könnte dennoch bittere Folgen haben.

Der rheinische Karneval bemüht sich, als immaterielles Weltkulturerbe anerkannt zu werden. Das ist schön — und könnte dennoch bittere Folgen haben.

Noch nie war unsere Welt so bewahrenswert wie heute. Und damit wir das auch wirklich begreifen, wurde das Weltkulturerbe der Vereinten Nationen erfunden. Rund 1000 Objekte auf unserer Erde sind auf der Liste verzeichnet. Und wenn wir noch etwas warten, wird die kulturelle Welterbschaft bestimmt auch den restlichen Baubestand umfassen, was in Anbetracht des touristischen Mehrwertes mehr als sinnvoll ist. Darauf sind die Menschen des Mittelalters gar nicht gekommen, im Gegenteil: Viele antike Bauten haben sie zerstört und die Steine für ihre Neubauten recycelt.

Richtig in Fahrt gekommen ist unser Bewahrungseifer aber erst mit dem immateriellen Kulturerbe, das mehr oder weniger den Rest unserer schönen Welt meint. Schaut man sich nur die Bewerbungen aus Bayern an, beginnt man zu ahnen, welche Dynamik diesem Wettbewerb innewohnt. So schicken die Süddeutschen unter anderem ihren Viktualienmarkt ins Rennen, die Passionsspiele von Oberammergau, die Almwirtschaft und den Kötztinger Pfingstritt, den Further Drachenstich und den Fischzug Schmidmühlen; während die Norddeutschen auf ihr Platt-Theater setzen, eine Bewerbung mit exzellenten Aussichten, da es außerhalb dieser Dialekt-Enklave ja kaum einer versteht — weder sprachlich noch anekdotisch. Dagegen sind die rheinischen Ambitionen geradezu konventionell: etwa mit dem Schützenbrauchtum und dem Karneval.

Das stimmt froh und nachdenklich zugleich, scheint doch das Bedürfnis einer Unterschutzstellung oft auch ein Ausdruck von Angst zu sein. Der Antrag auf Aufnahme dokumentiert dann auch die Sorge, dass es demnächst schlecht bestellt sein könnte mit dem gelebten Brauch. Neben der Ehre dieser Auszeichnung tritt dann das Bewusstsein zutage, dass es irgendwann einen herben Bedeutungsverlust der jeweiligen Tradition geben könnte. Zugleich stellt der Titel des immateriellen Weltkulturerbes auch gewisse Anforderungen an den Bewerber, an Echtheit und Bewahrung. Nun dürfte die Gefahr vergleichsweise gering sein, dass auf absehbare Zeit in Köln Helau und in Düsseldorf Halt Pohl gerufen wird. Doch wird man sich fragen müssen, ob das Welterbekomitee bei den Motivwagen zur Zensur berechtigt sein könnte; beispielsweise, wenn ätzende Kommentare zur Weltkulturerbeliste durch die Straßen rollen. Dass der Kölner Karnevalszug am Dom vorbeiführt, wird bei den Vereinten Nationen Pluspunkte bringen. Anders in Dresden, wo jeder Narrenzug über die Waldschlösschenbrücke wahrscheinlich zur Aberkennung aller Titel führen dürfte. Also, ihr lieben sächsischen Närrinnen und Narrhalesen — bedenkt die Wege eures jecken Treibens wohl, es könnten eure letzten sein.

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(RP)