Kolumne: Gott und die Welt : Mehr Mut zu Europa

Der tschechische Präsident Vaclav Havel nannte die Europäische Union einmal die „Heimat unserer Heimatländer“. Eine schöne Beschreibung dessen, was Europa auch heute noch ist: eben kein Ersatz für das Land, in dem wir leben, sondern eine sinnvolle Ergänzung.

Rund einhundert Jahre nach dem ersten Weltkrieg ist Europa eines der größten Friedensprojekte der Neuzeit geworden, die erste Staatengemeinschaft, die den Friedensnobelpreis erhalten hat. Wir haben uns so sehr gewöhnt an die Reisefreiheit, die gemeinsame Währung, das christlich geprägte Wertesystem, dass wir offensichtlich nicht mehr wissen, was wir da aufs Spiel setzen, wenn sich der Trend zu Nationalismus und Abschottung weiter durchsetzt.

Im Mai wählen wir Europa – und wir Christen sollten weiterhin mutig für dieses Europa mit seinen christlichen Wertehaltungen eintreten. Aber der Blick muss sich auch nach vorne richten: Wie entwickeln wir Europa weiter? Wie stellen wir uns den Herausforderungen der Globalisierung? Was ist unsere nächste Vision für Europa? Wenn wir weiterhin nur nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner der politischen Meinungsbildung suchen, werden es die populistischen Unkenrufer viel zu leicht haben. Denn Populisten nähren sich vor allem von einem Ideen-Vakuum. Von einem Mangel an Perspektiven und dem Blick zurück. Sie brauchen und missbrauchen die Angst der Menschen, um längst überholte Scheinlösungen zu propagieren. Der Extremismus von links und rechts ist nicht am Frieden in Europa interessiert, sondern nur an der Durchsetzung der eigenen Meinung. Am Ende stehen Ausgrenzung und Unterdrückung Andersdenkender – notfalls mit der Unterstützung von Chat-bots und dem Internet-Pranger.

Natürlich ist längst nicht alles gut in Europa. Aber nicht, weil Europa zu mächtig geworden ist, sondern weil unser Kontinent sich in manchen Dingen von seinen Grundprinzipien der Menschenwürde und Solidarität entfernt, etwa wenn er in einer globalisierten Welt die Not der Menschen weltweit aus den Augen verliert oder das menschliche Leben nicht von seinen Anfängen an bis zu seinem Ende schützt.

Europa ist zu kostbar, um es aufs Spiel zu setzen, indem wir seine Grundprinzipien unterlaufen oder es schlechtreden. Engagieren wir uns deshalb für die Heimat unserer Heimatländer – damit wir auch in Zukunft in Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit, in Rechtsstaatlichkeit und Sicherheit leben können und dieses Recht auch anderen zu Gute kommt. Sei es durch gezielte Entwicklungszusammenarbeit, durch ein sinnvolles Einwanderungsgesetz, durch eine an der christlichen Soziallehre orientierten Ökonomie und Gesellschaft, durch unseren Einsatz für das bedrohte menschliche Leben am Beginn und Ende. Nur Mut – Europa tut gut!

Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki schreibt hier an jedem dritten Samstag im Monat.
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