Kolumne: Gott und die Welt : Menschen zweiter Klasse

Wann werden Leiharbeiter als Menschen erster Klasse behandelt? Unternehmen können sich nicht mit Werk- und Zeitverträgen aus der Verantwortung stehlen. Die Politik muss endlich Grenzen ziehen und faire Arbeitsbedingungen für alle Arbeitnehmer durchsetzen.

Rund 2000 infizierte Menschen in den Kreisen Gütersloh und Warendorf sitzen in ihren Zimmern, Wohnungen und Massenunterkünften fest oder kämpfen um ihr Leben auf Intensivstationen. Viele von ihnen sind Leiharbeiter fern der Heimat. Auf deutschen Schlachthöfen gab es offenbar keine fairen und keine sicheren Arbeitsbedingungen für diese Menschen. Und plötzlich sind Medien, Politik, ja wir alle als Konsumenten mit einem schlechten Gewissen infiziert. Menschen werden hinter Bauzäunen weggeschlossen und ganze Landkreise stigmatisiert.

Der einzige Grund: die hemmungslose Ausbeutung von Menschen durch auf Gewinn getrimmte Unternehmen und unser auf Konsum ausgerichtetes Kaufverhalten. Ob Großschlachthöfe wie Tönnies, Online-Dienstleister wie Amazon oder im Umgang mit Erntehelfern in der Agrarindustrie – grenzenloser Kapitalismus pfeift auf Menschenleben und den Erhalt der Schöpfung. Was ist der Zweck der Arbeit und was ist menschliche Arbeit wert?

Foto: Zeichnung: Phil Ninh

Das ist nicht an Börsen mit Aktienpaketen handelbar. Menschen sind eben keine Humanressource und die Arbeit keine verrechenbare Dienstleistung. Schon Johannes Paul II. schrieb, dass jeder Mensch eine von Gott gegebene unverrechenbare Würde besitzt. Die Arbeit dient zuerst der Verwirklichung seines Personseins – daher müssen Arbeitsbedingungen auch menschlich gestaltet sein und faire Löhne gezahlt werden. Unternehmen und Investoren können sich nicht mit Werk- und Zeitverträgen aus der Verantwortung stehlen.

Die Politik muss endlich Grenzen ziehen und faire Arbeitsbedingungen für alle Arbeitnehmer durchsetzen. Gott hat mit der Menschheit auch keinen Werkvertrag auf Zeit abgeschlossen, sondern einen Bund auf Ewigkeit.

Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki schreibt hier an jedem dritten Samstag im Monat. Ihre Meinung? Schreiben Sie unserem Autor: kolumne@rheinische-post.de