Kolumne: Gott und die Welt - Gottesdienst en passant

Gott und die Welt: Gottesdienst en passant

Eine der Kirchen im Stadtteil, in dem ich seit Jahrzehnten lebe und in dem ich viele Jahre lang Pfarrer war, ist als Predigtstätte aufgegeben worden. Dort gibt es seit Ostern 2014 keine Sonntagsgottesdienste mehr. Keine Taufen. Keine Konfirmationen. Keine Trauungen. Das tut schon weh; nicht nur den Menschen, die hier seit Generationen Hoffnung und Heimat gefunden haben. Auch mir als Pfarrer tat das weh, als wir von dem vertrauten Ort Abschied nehmen mussten.

Jedes Jahr werden in der Evangelischen Kirche im Rheinland zwischen Emmerich und Saarbrücken Kirchen, Kapellen und Gemeindehäuser als Gottesdienststätten aufgegeben. Wo einst fast vier Millionen Protestanten lebten, sind es heute noch etwas mehr als 2,5 Millionen. Da ist es klar, dass längst nicht mehr alle Kirchen unterhalten werden können. Als Präses teile ich den Abschiedsschmerz der Gemeinden. Aber ich erlebe auch, dass in manchem Abschied ein Neubeginn steckt. Statt zu warten, dass die Menschen zu einer weiter entfernten Kirche kommen, machen sich die Gemeinden buchstäblich auf den Weg zu den Menschen - zum Beispiel mit einer Kirche im Pkw-Anhänger. Oder sie bieten jeden Sonntagnachmittag in einer Kapelle am Radweg im Stadtteil eine Andacht an. Gottesdienst en passant sozusagen.

Und noch etwas erlebe ich: Viele Gemeinden finden für die aufgegebenen Kirchen wunderbare Nachfolgenutzungen: als Wohnraum für Alleinerziehende mit ihren Kindern, als Tagesstätte für Menschen mit psychischen Problemen oder als Quartierstreff mit (diakonischen) Angeboten für Kinder, Jugendliche, Familien und Alte - so wie in der aufgegebenen Kirche bei mir im Stadtteil. So bleiben viele Gotteshäuser auch nach ihrer Aufgabe das, was sie schon immer waren: Häuser für Menschen.

Der rheinische Präses Manfred Rekowski schreibt hier an jedem vierten Samstag im Monat. Ihre Meinung? Schreiben Sie unserem Autor: kolumne@rheinische-post.de

(RP)