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Kolumne: Gott Und Die Welt: Islamisten wollen die Geschichte auslöschen

Kolumne: Gott Und Die Welt : Islamisten wollen die Geschichte auslöschen

Mit der Zerstörung altorientalischer Kulturgüter versucht die Terrormiliz IS, sich auch der Vergangenheit zu bemächtigen und einen eigenen Anfang der Geschichte zu setzen.

Und die Zerstörungen gehen weiter: Wie in einem Exzess stürzt sich die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) auf die Jahrtausende alte Stadt Nimrud im Nordirak und macht die Zeugen dieser großen Geschichte dem Erdboden gleich. Nichts soll mehr anschaulich bleiben, nichts soll überdauern. Dahinter stecken nicht nur Wahn und Verblendung. Es ist auch Ausdruck einer grenzenlosen Hybris: Die IS-Kämpfer nehmen es mit dem vielleicht größten Gegner auf - mit der Zeit, die sie glauben, durch Zerstörung einfach auslöschen und vergessen machen zu können.

Unser Aufschrei richtet sich vor allem gegen die Vernichtung von Kulturerbe - von Zeugnissen, die uns einen Eindruck davon geben, dass weit vor uns Menschen um Werte, um Zivilisation, um Ausdruck und Form ihres Zusammenlebens bemüht waren. Indem wir uns dessen bewusst werden, relativieren wir uns und unsere eigenen Leistungen. Denn so, wie etwas weit vor unserer Kultur existierte und blühte, wird es auch nach uns bemerkenswerte Kulturen geben. Wir sind stets nur ein Teil von etwas. Das macht uns nicht kleiner als nötig, aber so verantwortungsvoll wie möglich. Mit unseren Listen des Weltkulturerbes und unseren Debatten über neue Einträge haben wir das vermeintliche Gedächtnis der Menschheit institutionalisiert. Das wirkt dann oft ein bisschen bürokratisch, also leblos. Dennoch garantieren wir damit auch eine Beständigkeit, die Vergangenheit zu bewahren. Die Liste hält uns nicht nur vor Augen, wie viel zu schützen ist, sondern auch, aus wie vielen Quellen sich unsere Gegenwart und letztlich unsere Identität speisen.

Drei gewichtige Orte sind allein für unser europäisches Selbstverständnis bedeutsam: Jerusalem als Ursprung unserer religiösen Identität, Athen als Herkunftsort für das Denken und schließlich Rom als Quelle des Politischen. Unsere vielfältige Vergangenheit empfinden wir mehr denn je als Stärke, nicht als Handicap. Mit dem Versuch, all das auszuradieren, was ihnen und ihrem Glauben nicht passt, wollen die islamistischen Terroristen auch über die Zeit herrschen und einen Anfang der Geschichte setzen. Damit sind sie nicht nur Gläubige, sondern selbst ernannte Schöpfer. Im Kulturvandalismus wird ein schockierender Glaube offenbar, der nicht mehr länger der Welt und ihren Menschen dient, sondern die Welt und ihre Menschen nach seinen Maßstäben formt.

Eine solche Anmaßung vermeintlicher Sinnstiftung erinnert in seiner Radikalität an faschistisches Denken. Die Zerstörungsmacht der Islamisten belegt ihre Ohnmacht, die Welt und ihre Zeit zu verstehen und zu akzeptieren.

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(RP)