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Gott Und Die Welt: Hitzefrei - die Anarchie eines richtig guten Sommers

Gott Und Die Welt : Hitzefrei - die Anarchie eines richtig guten Sommers

Bei Hitzefrei nimmt sich die Institution der Schule selbst eine Auszeit.

Das Versprechen auf ein erstes Sommer-Wochenende zaubert Erinnerungen hervor - auch an das Phänomen des "Hitzefrei". Streng genommen ist das ein mehrdeutiger Aggregatzustand: Hat die Hitze frei? Oder werden wir befreit von Hitze sein? Alles Rhetorik, weil Hitzefrei längst ein Code ist, eine gesellschaftliche Übereinkunft, die - gefühlt - seit wenigstens 2000 Jahren gilt.

Hitzefrei ist untrennbar mit der Schule verbunden, mit der ersten Institution also, die einem Knirps im noch jungen Leben begegnet. Plötzlich gibt es Regeln, die zwar nicht unbedingt nachvollziehbar, aber einzuhalten sind. Bei Hitzefrei aber nimmt sich die Institution eine Auszeit. Inmitten des starren Systems - mit der Schulglocke als Symbol - scheint sich plötzlich Anarchie breitzumachen, verbunden mit der Erkenntnis, dass allein das Wetter selbst eine Bildungsanstalt im Humboldtschen Geiste auszuhebeln vermag. Wenigstens für einen halben, sonnigen Tag. Bemerkenswert bleibt, dass das System selbst solche anarchische Freiheit gewährt und über Schullautsprecher verkündet: Die Macht der Institution ist es, sich vorübergehend selbst zu entmachten. Und weil es bis heute keine einheitlichen Regelungen gibt, entscheidet der jeweilige Direx. Ab einer vormittäglichen Raumtemperatur von 27 Grad Celsius soll es hitzefrei geben können, heißt es. Außerdem ist Hitzefrei auch kein Hitzefrei, sondern Schulausfall aufgrund widriger Wetterverhältnisse.

Unsere Schülerwirklichkeit war lebensnäher. Hitzefrei ist nämlich ein sinnliches Erlebnis. Hitzefrei duftet nach chlorigem Freibadwasser und der Sonnencreme auf der Haut; Hitzefrei riecht nach Grillwurst und Holzkohle am Baggersee. Hitzefrei war wie Blaumachen, nur ohne schlechtes Gewissen. Wobei in der Erinnerung die Schüler-Reaktionen reifebedingt unterschiedlich gewesen sind: Als Grundschüler war man traurig, weil der Lieblingsunterricht bei der Lieblingslehrerin ausfiel; als Unterstufenschüler folgten wir brav der Anweisung; in der Mittelstufe schrien wir unfassbar vor Glück, während wir uns in der Oberstufe betont lässig gaben, so, als käme es auf all das eigentlich gar nicht an. Unsere Souveränität bewiesen wir noch dadurch, dass wir nicht einfach doof lärmend dem Ort unserer intellektuellen Erziehung entflohen, sondern noch ein wenig am Rande des Schulhofs rumhingen, skeptisch beäugt vom Hausmeister.

Hartnäckig geblieben aber ist in unserer Erinnerung das Gerücht, dass die fürs Hitzefrei maßgeblichen Temperaturen damals angeblich nur im beschatteten Lehrerzimmer gemessen wurden.

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(RP)