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Kolumne: Gott Und Die Welt: Fasten ist eine kollektive Erfahrung

Kolumne: Gott Und Die Welt : Fasten ist eine kollektive Erfahrung

Das Fasten ab Aschermittwoch ist keiner Mode unterworfen. Er steht in einer langen biblischen Tradition und lehrt uns: Wir sind nur ein Teil von etwas viel Größerem.

Die Tage der Exzesse sind gezählt. Viermal werden wir noch wach, dann zieht der Aschermittwoch die ultimative Spaßbremse. Bis dahin wird gefeiert, gezecht und gebützt, was das Zeug und jeder Einzelne moralisch für vertretbar hält. Die letzten Hochtage des Karnevals werden so zum sinnenfrohen Countdown, der die nachfolgende Fastenzeit als eine 40-tägige Strafe, Buße oder sonstwas Fieses erscheinen lässt. Diesen negativen Gefilden entkam das Fasten erst, seit es zur Mode erhoben wurde. Zwar hat es weiterhin irgendwie mit Entbehrung zu tun, allerdings wurde es jetzt mit einer schicken Note versehen. Das Angebot ist riesig und der Aufwand seiner Performance mitunter enorm. Als sei Verzicht ohne üppige Investition nicht machbar. So kann man den Eindruck gewinnen, dass ohne ökotrophologische Kenntnisse das Fasten mit bio-basischen Mahlzeiten kaum durchführbar ist.

Es geht aber gar nicht um irgendwelche Trends und jene modischen Pointen unserer Gesellschaft, die in den meisten Fällen eine Saison kaum überdauern. Weil ein solches Fasten zu jeder Jahreszeit denkbar ist; es benötigt keinen Startschuss und steht somit in keinem anderen Kontext als dem des eigenen Wohlbefindens.

Das 40-tägige Fasten ab Aschermittwoch aber folgt einer umfassenden biblischen Tradition und erinnert an das Fasten Jesu und Mose, an die 40 Tage, die es zur Sintflut regnete, und jene 40 Jahre, die die Israeliten durch die Wüste zogen. Das ist zu gewaltig, um es als Vorlage wirklich begreifen zu können. Aber es lehrt, dass unser Fasten, sosehr es mit uns zu tun hat und uns persönlich fordert, in die Geschichte und in die Geschichten der Menschen eingebunden bleibt. So wird das Fasten zu einer großen Solidaritätserfahrung. Über den Kampf mit unserer Disziplin hinaus erfahren wir, dass wir immer nur ein Teil von etwas sind. Vor allem: von etwas Größerem, das uns und unsere Sorgen übersteigt. Allein diese Erkenntnis könnte man schon als "Heilfasten" begreifen. Denn wie gut kann es tun, von einem selbst abzusehen und sich im wahrsten Sinne des Wortes anderen zu überantworten. Auch das ist eine Form von "Entweltlichung".

Der Erfolg dieses Fastens liegt dann nicht etwa darin, schlanker geworden zu sein, den Körper endlich entschlackt oder durch den Verzicht aufs Fernsehen mehr Bücher gelesen zu haben. Sondern in dem Genuss einer kollektiven Erfahrung, die Verzicht und Stillstand zu Zielen erhebt und sie aus dem Unwörter-Katalog der marktkonformen Gesellschaft streicht.

Fasten ist eben keine Strafe. Fasten ist eine Chance.

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(RP)