Gott Und Die Welt: Evangelische Kirche will diesmal mit Risiko fasten

Gott Und Die Welt : Evangelische Kirche will diesmal mit Risiko fasten

Zur diesjährigen Fastenaktion gibt es ein eigenartiges Motto: "Riskier was, Mensch!" Und aufgerufen wird zu einem Leben ohne Vorsicht. Ob das auch wirklich gutgehen kann?

Diesmal war das Frühstück bereits beendet, als sich noch ein Gedanke anschlich. Der Blick fiel zunächst auf den Kalender, schweifte ohne große Euphorie über den Rosenmontag und kam mit einem Wimpernschlag beim Aschermittwoch an. Also bei Einkehr, Fasten und Buße. Etwas pathetischer gesprochen und ritueller gedacht: bei Sack und Asche. Dieses Nachsinnen kam nicht so überraschend, schließlich war die Platte geputzt, und mit vollem Bauch gedenkt man der künftigen Entsagung gern.

Aber da gab es noch einen anderen, irritierenden Impuls. Das war die Anzeige zur neuen Fastenaktion der evangelischen Kirche mit dem Motto "Riskier was, Mensch!". Und derjenige, der aus dieser Schlagzeile eine Geste der Provokation herauszulesen hoffte, wurde mit der Unterzeile eines Schlechteren belehrt: "Sieben Wochen ohne Vorsicht" – wenigstens das ohne Ausrufezeichen, das für sich ja eine Aufforderung in Anspruch nimmt.

Im stillen Monolog verstrickt, traten zwei Männchen ans Ohr. Das eine ranzte mich an: Mensch, Schröder, lass doch die Kirche im Dorf! Und bedenke doch bitte die Worte Martin Luthers: Wo kein Wagnis, da kein Gewinn. Das andere Männchen trat ebenfalls ans Ohr, aber es schwieg zunächst. Dann aber flüsterte es mir ein paar Schlagworte unserer Tage zu: Restrisiko und Risikofaktor, Armuts- und Inflationsrisiko, Risikokapital und Risikofonds. Und dann schwieg es wieder und ließ mich allein mit all den Worten. Hatten wir nicht erst kürzlich das ökonomisch so Lukrative, aber hochgradig Riskante zu fürchten gelernt – und sogar die Kirche? Was aber, wenn uns diese Erfahrung vielleicht schon zu Verzagten werden ließ?

Vielleicht, doch treffende Worte wollen mit Bedacht gewählt sein, und so gab es aus der Gedankenspielerei noch kein Entkommen. Schon deshalb, weil das Risiko – im Gegensatz zum Wagemut – keinen allzu guten Klang hat. Das Risiko ist oft ein Vabanque-Spiel und manchmal eine Spekulation, und wer das nötige Glück hat, landet am Ende einen Coup. Wer bei alledem Rücksicht nimmt, hat gleich verloren. Im Risiko schwingt auch Geschwindigkeit mit; und je forscher jemand ist, desto besser sind seine Aussichten. Für Achtsame und Bedächtige scheint das Risiko kein sonderlich geeignetes Mittel zu sein. Klippe und Gefahr lautet so auch seine ursprüngliche Bedeutung – und dank Wikipedia können wir jetzt auch Griechisch.

Die Männchen schwiegen beharrlich und schienen sich in der Rolle des Stichwortgebers zu gefallen. "Riskier was, Mensch!" – ein Leben ohne Vorsicht. Was das mit der Fastenzeit zu tun hat? Mit Einkehr und Besinnung? Ist nicht gerade das 40-tägige Entsagen eine Antithese zu unserer ungestümen Zeit? Zumindest können wir über eine Umkehr nachdenken, und die ist in unserem Vorwärtsdrang erfrischend unpopulär.

"Riskier was, Mensch!" – so tönt es von den Plakaten. Da trat das stillere der Männchen ans Ohr und flüsterte: "Die trauen sich was."

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(RP)