Gott Und Die Welt: Der Rücktritt ist eine Leistung unserer Kultur

Gott Und Die Welt : Der Rücktritt ist eine Leistung unserer Kultur

Der Mensch geht eigentlich stets nach vorne. Darum ist der Rücktritt eine besondere und besonnene Gangart – er ist eine Kulturleistung.

Was sollte jüngst am Frühstückstisch zum Rücktritt des Papstes denn noch gesagt werden, da das historische Ereignis in den zurückliegenden Tagen hinlänglich betrachtet ward: theologisch und politisch, ökumenisch und ökonomisch, moralisch und gesellschaftlich, geriatrisch und vielleicht sogar ökotrophologisch. Mittlerweile kann man an jeder Theke irgendeiner Hinterhof-Muckibude zu nächtlicher Stunde das Wort "Sedisvakanz" fallen lassen, ohne dumm aufzufallen. Wir Deutsche sind bald zwar nicht mehr Papst, dafür aber sind wir jetzt richtige Papstexperten geworden.

Aber – wo viel zu bedenken ist, bleibt das Naheliegende gern unbedacht. Also musste dann doch der Frühstückstisch zur Klärung grundsätzlicher Dinge herhalten. Und dazu zählte die nicht ganz unerhebliche Frage, was aus orthopädischer wie auch aus physisch-anthropologischer Betrachtungsweise unter einem Rücktritt zu verstehen ist. Sind wir überhaupt für einen Rücktritt gewappnet und gebaut?

Anatomisch wohl nicht. Der Mensch ist – ohne Schuhwerk – vor allem ein Vorder- und Mittelfußläufer. Wer auch nur 100 Meter barfuß läuft, wird die Störanfälligkeit unserer Ferse vehement zu spüren bekommen. So gesehen ist die Ferse – Obacht Hohlspiegel! – die Achilles-Sehne unseres Bewegungsapparates. Weil also Barfüßer zum Vorderfuß gezwungen sind, ist unsere natürliche Körperhaltung erheblich nach vorne orientiert. Damit entsteht jene Dynamik, die sowohl für einen Jäger günstig ist als auch für den flott Flüchtenden. Besonders groß aber (so wurde bei der nun schon zweiten Blütentee-Runde zu bedenken gegeben) ist die Anfangsbeschleunigung, wenn man stolpert oder geschubst wird. Da solche Beispiele selten ohne philosophischen Hintergedanken verlautet werden, drängte sich sodann die Frage auf, ob unser Vorwärtsdrängen möglicherweise oft eine Art Unfall oder gar ein kleines Verbrechen sei?

Und welche Rolle spielt dann noch der Rücktritt? Zum Rücktritt muss man erst einmal stehen bleiben, spirituell Veranlagte reden lieber von Innehalten. Aber dann kommt das Verletztlichste überhaupt wieder ins Spiel: Man dreht sich über die Ferse, wendet und geht sinnend jenen Weg zurück, den man gekommen ist – aus welchen Beweggründen auch immer. Ein natürliches Verhalten ist das wohl kaum; vielmehr scheint der Rücktritt eine Art Kulturleistung zu sein. Als sei er die Gangart der Reflexion. Darüber ist dann aber so viel Zeit vergangen, dass uns der Rücktritt vom Frühstückstisch nahegelegt wurde.

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(RP)