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Gott Und Die Welt: Das Paralleluniversum der vielen Erkälteten

Gott Und Die Welt : Das Paralleluniversum der vielen Erkälteten

Sie sind die Stigmatisierten dieser Tage: die nasetriefenden Erkälteten. Sie bilden ein Paralleluniversum. Seine Eingangspforte ist das Wartezimmer der Arztpraxis, seine Außenstelle die Apotheke.

Seit vorgestern steht fest: Das Paralleluniversum existiert. Mitten unter uns. Und seine Bewohner sind alle Trief- und Rotznasen, Rotaugen und Käseblassgesichtige, die Keucher und Röchler. Kurzum: Herzlich willkommen im Reich der Erkälteten. Nun mag man einwenden (und in der Regel sind das die Gesunden), dass so ein Infekt nichts anderes sei als jede stinknormale Krankheit. Weit gefehlt. Denn erstens sind die Infizierten durch die äußeren Merkmale leicht zu erkennen und daher in gewisser Weise stigmatisiert; und zweitens konzentriert sich ihr Auftreten auf Jahreszeiten wie diese und gewinnt dadurch schnell etwas Rudelhaftes.

Ohnehin kann das wahre Ausmaß der Leiden allein der Betroffene ermessen. Eine Erkältung ist eine komplexe Angelegenheit, die schon im Wartezimmer beginnt. Vor ein paar Minuten noch glaubte man, ein spektakulärer Einzelfall zu sein. In der Praxis aber ist man von Virus-brüdern und -schwestern umzingelt, wenngleich auf den ersten Blick niemand so arg betroffen zu sein scheint wie man selbst. Wer jedenfalls den Laden der Wunderheiler ohne Antibiotika-Rezept verlässt und bloß mit Schleimlöser und Nasenspray standardmäßig abgefertigt wurde, kann allenfalls als Erkältungs-Novize gelten. Die Arztpraxis ist die Eintrittspforte ins Paralleluniversum und seine Außenstelle die Apotheke auf der anderen Straßenseite. Wie sich das Stadtbild doch mit dem Virus wandelt! Früher begann die Einkaufsstraße mit dem Bäcker, dann folgten acht Meter Gehsteig, dahinter die Lottoannahmestelle. Jetzt sind ein paar Meter Gehsteig der Anfang, dahinter dann endlich die Apotheke — danach nur noch Niemandsland.

In den Apotheken (die mit ihren Namen wie Hirsch und Löwe komischerweise an bayerische Gasthäuser erinnern) trifft man alle aus dem Wartezimmer wieder; und wer noch etwas Zeit hat, verweilt ein wenig am Ort der medizinischen Ausgabestelle und lässt sich spaßeshalber noch den Blutdruck messen. Dort liegt auch unsere Bibel aus — die "Apotheken-Umschau". Die alberne Freude plötzlich, wenn man darin eine riesige Anzeige fürs gerade erworbene Nasenspray entdeckt. Als ob das irgendetwas beweisen würde! Aber es gibt noch eine Gegenbibel. Wo der Glaube blüht, gedeiht auch der Unglaube. Diese Schrift heißt einfach "Apotheken" und verkündet gleich auf Seite eins, dass mit Zink die Erkältungsdauer um einen Tag verkürzt werden könne. Das klingt schwer nach Drohung, nach Vertreibung aus unserem gerade erst liebgewonnenen Paralleluniversum. Eine Frechheit, oder frei nach Loriot: Ein Leben ohne Virus ist möglich, aber sinnlos.

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(RP)