Kolumne: Gott und die Welt: Das kleine Loblied auf den Kitsch

Kolumne: Gott und die Welt: Das kleine Loblied auf den Kitsch

Jeder, der glücklich oder traurig, frisch verliebt ist oder frisch verlassen wurde, wundert sich, warum ihn plötzlich gewisse Schlagerliedchen anrühren. Gelegentlich sind wir eben alle kitschig.

Mit der Einführung des guten Geschmacks scheint es ihm final an den Kragen gegangen zu sein: dem sogenannten Kitsch. Der frühmorgendlich schon wache Leser beginnt zu ahnen, dass es diesmal heikel werden könnte - mit einem heimlichen Loblied auf den Kitsch. So ist es dann auch. Weil einem irgendwann in mehr oder weniger gebildeter Runde bei einem mehr oder weniger grandiosen Rotwein nicht mehr einsichtig gewesen ist, warum in dieser Welt ausnahmslos der gute Geschmack herrschen sollte. Und wer den guten Geschmack eigentlich erfunden hat. Und was guter Geschmack überhaupt ist.

Diese komplexen Fragen kamen uns dann aber nur in den Sinn und nicht auch noch über die Lippen, was clever war, da ansonsten in diesen Guten-Geschmack-Runden die nächsten dreieinhalb Stunden nur vom guten Geschmack handeln würden. Also verkürzten wir den Abend mit einer Frage, die bisher immer noch gut funktionierte bei dem Versuch, sich in launigen Gesellschaften zu vereinsamen: "Wollen Sie sich eigentlich einäschern?"

Wenige Minuten später auf der Straße war dann Zeit genug, sich dem Kitsch freundlicher oder wenigstens verständnisvoller zu nähern und zu fragen, woher unsere panische Angst vor Gartenzwergen rührt, warum wir das schönste Abendrot vor unseren Augen als Postkarten-Kitsch diffamieren, warum wir uns von Regenbögen peinlich berührt abwenden, weiße Schwäne auf blauen Seen am liebsten zum Abschuss freigeben würden und Briefpapier mit lauter roten Herzchen müde belächeln.

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Es gibt genug Theorien über den Kitsch. Über Kitsch als Ausdruck des Spießbürgerlichen, als Mangel an Konfliktbereitschaft, als Geste der Gefühlsverlogenheit und der Flucht aus der Wirklichkeit. Mag sein, dass Kitsch der sentimentale Versuch ist, uns eine schöne, heile Welt vorzuspielen. Das stimmt alles. Aber warum sollen wir gelegentlich nicht auch ein Anrecht darauf haben, unmittelbar und unzensiert unsere Gefühle und Wünsche lebendig werden zu lassen? Jeder, der glücklich oder traurig, frisch verliebt ist oder frisch verlassen wurde, wundert sich, warum ihn plötzlich Schlagerliedchen über beide Ohren anrühren - obwohl er doch summa cum laude promoviert wurde. Vielleicht ist das Gute am Kitsch ja seine Unmittelbarkeit, dass wir ein paar Augenblicke uns und unser Verhalten nicht reflektieren. Wahrscheinlich sind wir alle gelegentlich kitschig.

Und wenn wir irgendwann in Venedig sein sollten, werden wir mit der viel zu teuren Gondel fahren und den Gondoliere im weiß-blauen Zebra-Trikot bitten, auf dem Canale Grande "O sole mio" zu singen.

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(RP)