Gott Und Die Welt: Auch Felsen können manchmal wackelig sein

Gott Und Die Welt : Auch Felsen können manchmal wackelig sein

Petrus ist nicht der Held der Ostergeschichte: Erst verleugnet er Jesus, dann liefert er sich ein Wettrennen zum leeren Grab. Und doch ist er der Fels, auf dem die Kirche steht.

Am Frühstückstisch fiel jetzt der Blick auf das schon gebackene und mit Puderzucker bestreute Osterlamm. Weil das aber erst am Sonntag verkostet werden sollte, so gehörte zu den ersten Übungen des Tages eine gewisse Standhaftigkeit. Sei einfach ein klein bisschen Petrus, dachte ich mir, also eine Art Fels, und doch war ich mir in diesem Augenblick nicht ganz sicher, ob solche übermütigen Vergleiche nicht auch ein wenig vermessen und unpassend sind.

Schließlich ist Petrus unter uns Sterblichen schon ein ziemlicher "Vorbild-Riese"; und damit man genau das nicht vergisst, wurde es an der Innenseite der Petersdom-Kuppel in zwei Meter hohen schwarzen Buchstaben auf goldenem Grund zum Mitlesen verewigt: "Tu es Petrus et super hanc petram aedificabo ecclesiam meam et tibi dabo claves regni caelorum" – für alle Nicht-Lateiner am gemeinsamen Frühstückstisch: "Du bist Petrus –, der Fels – und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und dir werde ich die Schlüssel zum Himmelreich geben." So weit der Evangelist Matthäus.

Doch ganz so felsenfest ist das Fundament mit Petrus nicht; denn er ist ein Mensch mit allen seinen Schwächen wie Angst, Missgunst und Neid. Dreimal wird er Jesus vor der Verurteilung verleugnen. Und nicht sonderlich ehrenvoll ist sein Verhalten vor dem leeren Grab: Als Maria Magdalena den Jüngern von der Auferstehung erzählt, glauben sie es nicht. Sie wollen sich lieber selbst überzeugen, und peinlicherweise will jeder der Erste sein. Es kommt zu einem echten Wettlauf, und dass dabei Petrus unterliegt, ist ein deutliches, fast schon versöhnliches Zeichen. Und das soll der Fels sein? Es gibt vielleicht keinen besseren und menschlicheren, keinen anderen, der uns mit all den Rissen nicht selbst vertraut wäre.

Erst in den 40er Jahren hat man begonnen, unter dem Petersdom eine antike Begräbnisstätte auszugraben; dabei wurde vermutlich auch das Petrusgrab entdeckt. Tief unter der Erde zwar, aber direkt unter dem Altar. Gern hätten die Archäologen weiter gebuddelt, doch erinnerte man sich vielleicht in irgendeiner Frühstückspause daran, dass über ihnen eine nicht ganz kleine Kirche steht und es zu Statikproblemen kommen könnte – für die Kirche, für den Fels und auch für uns. Die Erde ist "eine dünne Kruste", heißt es in Büchners "Dantons Tod", und: "Man muss mit Vorsicht auftreten, man könnte durchbrechen." Das ist eine Erfahrung unserer Existenz.

Und was knackte im Augenblick dieses Gedankens? Bloß das supergesunde Knäckebrot mit Protein aus Weizenkeimen und Vollkornroggen.

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(RP)