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Kolumne: Gott Und Die Welt: Andreas L. - ein Mensch, der nicht mehr funktionierte

Kolumne: Gott Und Die Welt : Andreas L. - ein Mensch, der nicht mehr funktionierte

Unser Urteil über den Copiloten ist so gut wie gefällt. Es ist auch die Verbannung eines Menschen, mit der wir unser Vertrauen in die Welt zurückgewinnen.

Er wird mal ein junger Mann wie viele andere gewesen sein: mit ehrgeizigen Zukunftsplänen, mit Krisen und Rückschlägen, Erfolgen und Misserfolgen. Der junge Mann ist Copilot geworden, der nach dem Absturz der Germanwings-Maschine zum Todespiloten wurde. Weil er das Unglück offenbar bewusst herbeigeführt hat. Weil sein Handeln 149 andere Menschen in den Tod riss. Manche nennen ihn jetzt auch Mörder, und viele von denen, die ihn so bezeichnen, möchten viel lieber Monster sagen. Das heißt dann auch: Er ist keiner mehr von uns. Das Unbegreifliche brachte also eine Spezies außerhalb unserer Gesellschaft hervor. Diese Verbannung des jungen Mannes ist ein Zeichen unseres Bedürfnisses nach Schutz und Sicherheit, nach einer Erklärung, mit der wir leben und weiterleben können. Unstrittig ist: Es gibt die Pflicht der Aufklärung. In erster Linie gegenüber den Hinterbliebenen. Sie haben ein Recht auf Wahrheit. Und diese finden zu wollen, zeigt Respekt ihnen gegenüber und ist zugleich unsere Geste des Anteilnehmens. Der unermüdliche Versuch der Aufklärung ist auch den Opfern geschuldet; sie wahrt den im Bergmassiv Gestorbenen ihre Würde. Schließlich dient jede Ursachenforschung auch der Fluggesellschaft, die seit dem Absturz neben technischen Pannen einen neuen Risikofaktor zu bedenken hat: Das ist der Mensch. Und über den ergründen wir jetzt vieles. Ein Leben und Seelenleben wird öffentlich - und muss es werden, weil es 149 Tode forderte. Aber es erinnert auch an die Zerlegung einer Maschine, in der wir nach dem einen fehlerhaften Rädchen forschen. Die letzten Beweise fehlen, und es ist nicht sicher, ob diese je erbracht werden können. Doch die Indizien bleiben erdrückend. Vor allem die bewusste Verriegelung der Cockpit-Tür von innen. Allerdings wurde auch bekannt, dass Andreas L. noch im Herbst wieder öfter seinen alten Segelfliegerverein in Montabaur aufsuchte, um seinen Segelflugschein ja nicht zu verlieren. Offenbar gab es für ihn auch noch eine Vorstellung von Zukunft. Seine Verurteilung durch uns ist so gut wie abgeschlossen; eine Verteidigung nahezu aussichtslos. Unser vielstimmiger Nachruf auf Andreas L. ist die Verbannung eines Menschen, der nicht mehr funktionierte und so wahrscheinlich zum fürchterlichen Täter wurde. Unser Urteil ist darum auch der Kitt unserer Welt, weil wir uns Tag für Tag Menschen anvertrauen: im Auto, im Zug, im Flugzeug, in fast jedem Augenblick unseres Lebens. Dieses Vertrauen bleibt ein zutiefst menschliches.

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(RP)