Gesellschaftskunde: Wie Ungewissheit die Menschen diszipliniert

Gesellschaftskunde : Wie Ungewissheit die Menschen diszipliniert

Früher geschah Machtausübung vor allem über Zwang. Heute empfinden viele ihre Zukunft als ungewiss – und bekämpfen ihre Ohnmachtsgefühle durch Arbeitseifer.

Früher geschah Machtausübung vor allem über Zwang. Heute empfinden viele ihre Zukunft als ungewiss — und bekämpfen ihre Ohnmachtsgefühle durch Arbeitseifer.

Wem der Hof gehörte, der hatte früher das Sagen. Macht war eine Frage des Besitzes. Also wurde um Land gekämpft, darum, sein Herrschaftsgebiet auszudehnen.

Heute hat die Macht neue Spielfelder gefunden. Sie zeigt sich etwa darin, ob einer das Recht hat, andere Menschen zu lenken, zu managen, Verhaltensregeln festzulegen. Es ist das alte Gefälle zwischen Fabrikbesitzer und Arbeiter: Der eine kann selbst entscheiden, wann er arbeitet, der andere muss sich an die Schichtzeiten halten. Allerdings musste der Fabrikbesitzer früher einige Mühe dafür aufwenden, seine Macht auch durchzusetzen, etwa zu kontrollieren, dass Malochezeiten eingehalten wurden.

Diese Art der Machtausübung erscheint heute seltsam altmodisch, denn sie ist überflüssig geworden. Zu Gehorsam muss niemand mehr gezwungen werden, das erledigt unser System selbst — durch Ungewissheit.

Beschäftigte wissen heute nie, wie lange ihr Arbeitsplatz sicher ist und wie lange sie selbst in ihrer Position gefragt sind. Auch ihre soziale Stellung erscheint ihnen damit nie auf Dauer erreicht. Immer droht der Absturz, wenn auch nur als Fantasie. Doch ist diese Vorstellung so mächtig, dass Angestellte Überstunden kloppen, Projekte an sich reißen, privat Fortbildungen absolvieren, um vordergründig dem Chef, viel mehr aber noch den Verhältnissen ihre Bedeutung zu beweisen. Das mildert das Gefühl des Ausgeliefertseins, der Machtlosigkeit, auch wenn das eine Illusion ist.

So hat die Prekarität moderner Arbeitsverhältnisse den alten Zwang ersetzt. Sie ist ein unsichtbarer Zuchtmeister — und gerade darum so effektiv. Denn der moderne Mensch erlebt auch, wie rasend sich die Ansprüche verändern, wie Qualifikationen unnötig werden, neue Talente gefragt sind, Jüngere alles besser zu können scheinen. Auch das verstärkt das Gefühl, das eigene Schicksal nicht in der Hand zu haben, den Verhältnissen ausgeliefert zu sein. Wer mag da noch Pläne schmieden? Und wer mag rebellieren gegen eine Macht, die in den Verhältnissen steckt?

Proteste gegen ein abstraktes System sind schwierig. In Istanbul hat es sie gegeben, als Menschen dagegen demonstrierten, dass der ökonomische Gewinn durch ein neues Einkaufszentrum wichtiger sei als ein alter Park. Doch schnell wurden daraus Proteste gegen den Ministerpräsidenten. Gegen einen Machtmenschen also, der Herrschaft noch ausübt wie früher — und nicht merkt, dass diese Zeit abgelaufen ist.

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(RP)
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