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Kolumne: Gesellschaftskunde: Was Betroffenheit von ehrlicher Anteilnahme unterscheidet

Kolumne: Gesellschaftskunde : Was Betroffenheit von ehrlicher Anteilnahme unterscheidet

Auch Unbeteiligte zeigen in diesen Tagen Trauer. Das ist wichtig, wenn es dabei nicht um Selbst- darstellung geht.

Was sind das nun für Gefühle, die nach der Flugkatastrophe in den Alpen die Öffentlichkeit erfasst haben? Da ist zum einen ein großes Maß an Mitgefühl - eine zutiefst humane Regung, ein Empfinden, das den Menschen erst zum Menschen macht. Es ist gut, wenn dem Einzelnen das Schicksal seines Nächsten nicht egal ist - auch das Schicksal Fremder nicht. Darum ist es keine Hysterie, wenn Menschen jetzt öffentlich ihre Bestürzung zeigen. Bei aller Distanz sind das wichtige Zeichen an die Hinterbliebenen, dass die Gesellschaft ihr Leid ernst nimmt. Und natürlich beschäftigt es die Menschen, wenn sie hören, dass in der Unglücksmaschine Kinder saßen, Jugendliche auf dem Heimweg vom Schüleraustausch. Weil da Leben nicht gelebt werden konnten, jungen Menschen Entfaltungsmöglichkeiten genommen wurden. Und Eltern ihre Kinder.

Doch genauso tragisch ist es, wenn ein älterer Mensch mit all seinen Erfahrungen und Verwurzelungen in Familie und Gesellschaft jäh aus dem Leben gerissen wird. Das alles erschreckt, es macht traurig. Und es ist zutiefst menschlich, wenn Außenstehende auch deswegen berührt sind, weil sie sich vorstellen, dass sie selbst in der Maschine hätten sitzen können. Oder - für manche ist diese Vorstellung noch schlimmer - dass sie als Angehörige zum Flughafen gefahren wären. Und dort plötzlich die Zeit stillgestanden hätte.

Die Betroffenheit aber unterscheidet sich vom reinen Mitgefühl durch eine heimliche Lust an der Katastrophe - und an der Selbstdarstellung. Darum löst Betroffenheit Unbehagen aus. Man spürt, dass da etwas zur Schau gestellt wird und dass in der Bestürzung eine Neugier mitschwingt, die das Sensationelle wittert, die sich gruseln will - und das Leid der Betroffenen gar nicht an sich heranlässt.

Es ist schwer auszumachen, wann Mitleid in Betroffenheit kippt. Empfinden kann das nur jeder selbst. Und auch die Medien müssen sich in diesen Tagen beständig fragen, welche Informationen notwendig sind, um ein Bild von der Katastrophe zu geben, welche Details nur schaurige Fantasien nähren. Es ist wichtig, dass die Öffentlichkeit erfährt, was geschehen ist, um etwa über die Risiken des kommerziellen Drucks auf sensible Branchen wie die Fliegerei nachzudenken. Oder darüber, wie Mensch und Computer eine sichere Einheit bilden.

Wenn diese Öffentlichkeit dann ihrer Bestürzung Ausdruck gibt und Blumen niederlegt, dann hat das seine Berechtigung. Bei allen Emotionen aber muss es um die Opfer gehen. Sonst verliert die Anteilnahme ihre Unschuld.

Ihre Meinung? Schreiben Sie unserer Autorin: kolumne@rheinische-post.de

(RP)