Kolumne: Gesellschaftskunde : Was bei Trauer wirklich schmerzt

Gegen Verlustgefühle hilft Geselligkeit meist nur bedingt.

Es ist ein wohlmeinender Reflex, Menschen, die einen schweren Verlust erlitten haben und tief in der Trauer stecken, Geselligkeit zu empfehlen. Triff dich doch mit Freunden!, heißt es dann. Geh mal wieder unter Leute! Solche Ratschläge sind verständlich. Wer sie ausspricht, will helfen, will die ungewollte Einsamkeit des Trauernden durch ein Gegengift bekämpfen: durch möglichst viel Beisammensein mit vertrauten Leuten.

Wenn Trauernde darauf nicht eingehen, wenn sie im Gegenteil sogar Menschen meiden, die ihnen eigentlich nahestehen, stößt das oft auf Unverständnis. Die Außenstehenden verstehen nicht, warum Trauernde sich in ihrer Einsamkeit vergraben, statt sich mit Leuten zu umgeben, die es gut mit ihnen meinen.

Darin liegt ein Missverständnis: Menschen, die einen nahen Angehörigen verlieren, ringen nicht in erster Linie mit Einsamkeit, sondern mit dem Gefühl, verlassen worden zu sein. Und gegen diesen Schmerz des Verlustes hilft es nur bedingt, sich mit Bekannten zu umgeben.

Freunde können Trauernde unterstützen. Sie können sie auf andere Gedanken bringen, schwere Zeit teilen, in düsteren Stunden für Zerstreuung sorgen. Und das ist viel. Aber sie reichen nicht heran an den tiefen Schmerz eines Menschen, dem etwas Kostbares entrissen wurde. Der sich gegen seinen Willen trennen musste und nun langsam lernen muss, mit seinen Erinnerungen zu leben. Denn das ist ja auch Teil der Trauer: In den Gedanken an früher keinen Feind zu sehen, sondern eine Brücke aus erfüllten Jahren in eine gute Zukunft.
Geselligkeit kann das Gefühl des Verlassenseins noch heftiger hervorkehren. Früher saß noch einer mehr mit in der fröhlichen Runde, dieser Gedanke schmerzt. Es hilft im Umgang mit Trauernden, sich diese Empfindung klarzumachen.

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