Gesellschaftskunde: Warum wir uns Bilder von der Welt machen

Gesellschaftskunde : Warum wir uns Bilder von der Welt machen

Mit der Neuzeit begann der Mensch, sich ein Bild von der Welt zu machen – und sich der Realität überlegen zu fühlen. Doch die Gegenwart lehrt: Der Einzelne ist ohnmächtig gegenüber den Bedingungen seines Lebens.

Wenn die Leute in den Sommerwochen wieder in die Welt ausschwärmen, haben sie Kameras im Gepäck. Sie wollen nicht nur schöne Momente der Zeit entheben. Gerade wer an entlegene Ziele reist, will sich die fremde Wirklichkeit aneignen, will daheim in Ausschnitten zeigen können, wie es woanders aussieht, wie Menschen in anderen Kulturen leben, will immer genauer verstehen, in was für eine Wirklichkeit er geworfen ist. Mit Bildern von der Welt arbeiten wir so an unserem Weltbild.

Allerdings ist diese Idee recht jung. Sie entstand erst mit der Neuzeit, mit dem Subjekt, das sich selbst so wichtig nimmt, dass es sich zum Betrachter der Welt aufschwingt. Im Mittelalter empfand der Mensch sich als Teil der göttlichen Ordnung mit fest zugewiesenem Platz. Er war kein souveränes Subjekt, das sich angemaßt hätte, diese Ordnung zu überschauen, also überhaupt ein Bild von der Welt zu entwickeln.

Darum schreibt der Philosoph Martin Heidegger, es sei irrig, vom Wandel der Weltbilder im Laufe der Geschichte zu sprechen: "Das Weltbild wird nicht von einem vormals mittelalterlichen zu einem neuzeitlichen, sondern dies, dass überhaupt die Welt zum Bild wird, zeichnet das Wesen der Neuzeit aus." Allerdings begann dieses Projekt der Moderne mit einer Illusion. Denn der aufgeklärte Mensch glaubte ja, die Welt nicht nur erfassen, sondern auch verändern zu können – mit den Mitteln der Vernunft. Das "Sapere aude – habe den Mut, dich deines Verstandes zu bedienen!" sollte Ungerechtigkeiten aus der Welt schaffen, den Lauf der Geschichte auf einen guten Pfad zwingen. Erst sollten Leibeigenschaft, Aberglaube, Despotie getilgt werden, dann der befreite Mensch selbstbestimmt leben können.

Doch auch der emanzipierte Zeitgenosse steht der Wirklichkeit hilflos gegenüber. Zwar hat er Wahlfreiheit gewonnen, kann über Politiker entscheiden oder über die Dinge in seinem Einkaufskorb. Doch die Realität kann er in Wahrheit nicht beeinflussen. So muss der moderne Mensch begreifen, dass er zwar reisen, sich die Fremde aneignen, sein Weltbild formen kann. Doch der Lauf der Dinge hängt davon nicht ab, die Realität bleibt immun gegen subjektives Wollen. Das ist die Kränkung des modernen Individuums, das mit der Vernunft über die Wirklichkeit siegen wollte. Der Mensch wurde zum Subjekt, die Welt dem Subjekt zum Bild, doch dies Weltbild ist eben nur subjektiv, ein Ausschnitt, eine Weltanschauung. So ist der Mensch doch nur Teil eines größeren Ganzen – und könnte sich bescheidener geben.

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(RP)
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