Gesellschaftskunde: Warum wir Orte für zufällige Kontakte brauchen

Gesellschaftskunde : Warum wir Orte für zufällige Kontakte brauchen

Weil es so bequem ist, Filme per Internet zu leihen, geraten Videotheken unter Druck. Doch damit schwinden auch Orte für ungezwungene Gespräche über Filme – und die Welt.

Weil es so bequem ist, Filme per Internet zu leihen, geraten Videotheken unter Druck. Doch damit schwinden auch Orte für ungezwungene Gespräche über Filme — und die Welt.

Natürlich musste es so kommen. Natürlich würde eines Tages dieser Zettel im Fenster hängen: "Letzter Ausleihtag, 20. Juli — das Internet hat gesiegt." Dabei ist die Programmvideothek im Süden Düsseldorfs ein letztes Refugium für Cineasten, in dem DVDs nicht als billige Unterhaltungsmedien in neonbeschienene Fächer geschoben, sondern als das behandelt werden, was sie sind: Träger von Kunstwerken, die Welten eröffnen.

In der Filmgalerie stehen die DVDs nach Regisseuren sortiert in Holzregalen, das Gesamtschaffen von Filmemachern ist dort zu besichtigen — ihr Werk. Davor kann man Stunden zubringen, die Hände immer tiefer in die Hosentaschen senken, Filmgeschichte betrachten, durch die eigene Seh-Biografie spulen, Entdeckungen machen. Und manchmal steht nebenan jemand am Buñuel- oder Chabrol-Regal: bisschen fachsimpeln, Abseitiges empfehlen, anderer Meinung sein, am Ende einen Geheimtipp auf ein Zettelchen kritzeln, das dann verloren geht — so ist das, wenn Menschen Filme nicht als Datenpaket daheim aus dem Internet saugen, sondern physisch an einem halb öffentlichen Ort wie einer Videothek entleihen.

Eine Gesellschaft braucht solche analogen Orte des Austauschs. Orte ohne Zugangsschwellen, an denen jeder sich berufen fühlt, ein bisschen zu palavern. Orte der zufälligen Begegnung. Natürlich ist es bequem, Filme über das Internet zu bestellen. Und natürlich werden am DVD-Regal nicht nur große Gedanken geboren. Aber man spricht dort über Kunst. Und in den Gesprächen wird für Momente Anonymität ausgesetzt, begegnen Menschen einander unstrategisch und überwinden die unsichtbaren Grenzen ihres gewohnten Milieus. Darum kann sich an solchen Orten das utopische Gefühl einstellen, dass es in dieser Welt nicht nur darum geht, in seinen Aufgaben zu funktionieren, gutes Füllmaterial abzugeben für eine soziale Rolle, sondern auch darum, sich auszutauschen über Geschichten, Bilder, Ideen von der Welt. Wer ernsthaft Filme schaut, wer sich damit nicht nur zerstreut, sondern fremde Leben auskundschaftet, sich in andere Verhältnisse, ungekannte Gefühle versetzt, der wird Politikern nicht glauben, die sagen, ihre Entscheidungen seien alternativlos. Der bewahrt sich Eigensinn und die Neugier, von anderen zu hören, wie sie die Gegenwart sehen. Und die Zukunft. Und den neuen Woody Allen. Darum ist es traurig, wenn eine liebevoll geführte Videothek schließen muss. Es verschwindet mehr als ein weiterer Laden.

Ihre Meinung? Schreiben Sie unserer Autorin: kolumne@rheinische-post.de

(RP/gre)
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