Gesellschaftskunde: Warum wir in einer neuen Steinzeit leben

Gesellschaftskunde : Warum wir in einer neuen Steinzeit leben

In hyperaktiven Zeiten wird der Stein Symbol der Beständigkeit und die Stein-Strategie Erfolgsrezept der Gelassenen. Doch Steine sind nicht nur robust – sie sind auch leblos.

In hyperaktiven Zeiten wird der Stein Symbol der Beständigkeit und die Stein-Strategie Erfolgsrezept der Gelassenen. Doch Steine sind nicht nur robust — sie sind auch leblos.

Erschöpfung ist die Trophäe des postmodernen Menschen. Er kann ja kein erlegtes Mammut mehr vorweisen und auch nur noch selten ein feines Stück Handwerk, das er mit Hingabe und Muße gefertigt hat. Heute arbeitet er ja an Projekten, deren Ziele in Projektgruppen festgelegt wurden und deren Erfolg von einer anderen Projektgruppe erhoben wird. Der einzige Stolz auf die geleistete Arbeit, der da noch bleibt, ist der Nachweis, sich aufgerieben zu haben. Das Burn-out ist dann das verschwitzte Hemd unserer Tage.

Vielleicht leben wir darum in derart aktionistischen Zeiten, in denen schnell handeln mehr gilt als Bedächtigkeit, der Macher mehr als der Denker. Also zählt der rasche Erfolg, denn niemand weiß, ob er noch da ist, wenn der langsame sich einstellt.

Doch es gibt Gegenbewegungen. Der Publizist Holm Friebe hat ein Buch geschrieben über die Kunst, nicht zu handeln. Er hält innere Beständigkeit für eine Tugend, die langfristig Überlegenheit garantiert. Und wie viele Strategien-Verkäufer hat er seine Thesen in ein Bild gefasst: den Stein. "Der Spur der Steine folgen heißt, Eigensinn und Gelassenheit erfolgreich zu kombinieren", schreibt Friebe.

Freilich ist diese Idee nicht neu. In den satten 1980er Jahren hat Sten Nadolny die Geschichte eines Seefahrers erzählt, der seine Abenteuer vor allem dank seiner Beharrlichkeit meistert. "Die Entdeckung der Langsamkeit" wurde ein Bestseller, noch bevor die Gesellschaft wirklich verstand, welche Beschleunigung ihr bevorstand. Inzwischen kann ein lebloser Stein Vorbild sein, allein, weil er ruht. Vielleicht auch, weil er das Sinnbild der Substanz ist. Je flüchtiger die Zeiten, desto attraktiver erscheint ein Gegenstand, der massig in der Welt ruht.

Der leblose Stein verkörpert also eine Sehnsucht nach Beständigkeit und Robustheit, die der twitternden, krisenwitternden Gesellschaft abhanden kommt. Vielleicht ist so auch die seltsame Ruhe des Wahlkampfs zu erklären, der am Sonntag ein Ende nimmt. Vielleicht waren die Deutschen gar nicht so ignorant und diskutiermüde, wie viele Analysten glauben. Vielleicht hat unsere nervöse Zeit nur einen Politikertypus hervorgebracht, der lieber leblos starr erscheint wie ein Stein, statt spontan Fehler zu machen. Die Kanzlerin ist ja schon seit Jahren erfolgreich mit dieser Strategie. Und ihr Herausforderer ist kläglich gescheitert mit dem Versuch, diese Mauer durch eine Provokation zu durchbrechen. Und dann senkt sich eben die Schwere von Felsen auf die Debatten. So hat unsere hyperaktive Gegenwart eine neue Steinzeit hervorgebracht. Am Sonntag wird sich zeigen, wie lange sie dauert.

Ihre Meinung? Schreiben Sie unserer Autorin: kolumne@rheinische-post.de

(RP)
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