Gesellschaftskunde: Warum wir Feiertage auch als Zeit-Anker brauchen

Gesellschaftskunde : Warum wir Feiertage auch als Zeit-Anker brauchen

Wir erleben Zeit immer stärker als Kontinuum – als endlosen Strom, in dem wir uns vorankämpfen. Darum sind Feiertage wichtig, um uns zu erinnern, dass Leben in Kreisläufen geschieht.

Wir erleben Zeit immer stärker als Kontinuum — als endlosen Strom, in dem wir uns vorankämpfen. Darum sind Feiertage wichtig, um uns zu erinnern, dass Leben in Kreisläufen geschieht.

Irgendwann hat das kollektive Zeitempfinden umgeschaltet von Kreislauf auf Strecke: Früher bestimmten die Jahreszeiten das Lebensgefühl der Menschen — und das Kirchenjahr. Man lebte näher am Werden und Vergehen der Natur, hatte ein Empfinden dafür, dass Leben in Zyklen verläuft, der Einzelne nicht nur ein stolzes Individuum ist, sondern Teil großer Kreisläufe, die auch ohne ihn ablaufen. Dieses Wissen machte demütig. Und es schenkte Gelassenheit.

Wer sich heute also in eine der Fronleichnam-Prozessionen einreiht, der kann sich nicht nur im Schrittmaß des Pilgers auf Jesus besinnen und nach außen bezeugen, dass er Christ ist. Er wird auch Teil einer Tradition, die seit Jahrhunderten besteht, macht sich auf einen Weg, den schon die Eltern und Großeltern und deren Eltern nahmen, jede Generation mit ihren Fragen, Hoffnungen, Gottesbildern.

Neben der religiösen Bedeutung sind kirchliche Feiertage also auch Zeit-Anker — Tage, an denen der moderne Mensch sich darauf besinnen kann, dass die Welt nicht nur um ihn kreist, sondern ihrem eigenen Rhythmus folgt und Zeiteinheiten kennt, die von größerer Langmut zeugen, als die Kurzatmigkeit der Gegenwart vermuten lässt.

Diese Einsicht ist bitter nötig. Denn seit der Industrialisierung bestimmen Pausenlosigkeit und zunehmende Beschleunigung unser Zeitempfinden. Das Arbeiten hat sich aus der Natur in Innenräume verlagert, der Einbruch der Dunkelheit gibt keinen Feierabend mehr vor. Der Mensch ist zum Läufer auf der Strecke geworden, glaubt, sich kein Luftholen leisten zu dürfen, und vergisst in seiner Eile, dass es mal anders war.

Nur an den Sonn- und Feiertagen gibt es noch ein Innehalten, kann der Einzelne noch spüren, wie Müßiggang sich anfühlt, wie erquicklich laues Lungern sein kann. Und wie produktiv. Auch der moderne Mensch hat ja ein Bedürfnis danach, dem gnadenlosen Takt der Effizienz ab und an zu entkommen. Das beweisen auch jene profanen Anlässe, die er sich geschaffen hat, um doch Zäsuren zu setzen. Das Ende der Bundesliga etwa ist ein solcher Punkt, der zumindest das Jahr der Fans strukturiert. Auch abends die Tagesschau einzuschalten, Serien wie der "Lindenstraße" treu zu sein oder bei den Models von Heidi Klum vorbeizuschauen, sind in erster Linie wohl Rituale. Der Mensch braucht sie, um sich Halt zu verschaffen im Strom des Getriebenseins einer Zeit, die nur noch das Vorwärts kennt.

Darum ist es gut, dass die Prozessionen an Fronleichnam im Kreise führen, um den Marktplatz und zur Kirche zurück. Sie streben nirgendwohin, sind vollkommen ineffizient, Zumutungen an das moderne Leistungsempfinden. Unsere Gegenwart hat diese Zumutung nötig.

Ihre Meinung? Schreiben Sie unserer Autorin: kolumne@rheinische-post.de

(RP/caf)