Gesellschaftskunde: Warum Weihnachtsmärkte gar nicht so schlimm sind

Gesellschaftskunde : Warum Weihnachtsmärkte gar nicht so schlimm sind

Sie sind überfüllt, laut, zu kaufen ist vorwiegend Kitsch. Trotzdem können die künstlichen Dörfer einen sozialen Sinn erfüllen – als Orte der Begegnung.

Wenn das Jahr auf die Zielgerade einbiegt, fahren in deutschen Innenstädten die Lastwagen vor, laden kunstverschneite Holzhütten ab und gruppieren sie um eine Eisbahn. Heute gehen in vielen dieser Attrappendörfer die Lichter an, köchelt wieder der Glühwein, duften die zuckrigen Mandeln, bimmelt das Karussell.

Nun kann man das alles schrecklich finden. In der Tat ist der Glühwein meist ein zuckriges Gesöff aus dem Tetrapack, in den Holzhütten werden genau jene Geschenkchen feilgeboten, die hinterher keiner haben will, all der überflüssige Nippes mit Silberschnee, der Wohnungen voller, nicht schöner macht. Und aus den Boxen an den Ständen dudeln ab jetzt schlecht arrangierte Weihnachtslieder, die noch gar nicht in die Zeit gehören und dazu führen, dass spätestens am Heiligen Abend auch die musikalische Übersättigung erreicht ist.

Aber die Leute gehen hin. Jedes Jahr. Vielleicht erfüllt der Weihnachtsmark also auch eine soziale Funktion, die über den Kommerz hinausweist. Da ist zum einen die nachgebaute Idylle, die in der düsteren Jahreszeit ein wohliges Gefühl verschafft. Der gespielte Dorfplatz ist der Gegenentwurf zu den modernen Innenstädten mit den kalten Glasfassaden, die überall gleich aussehen und deshalb kein Gefühl von Heimat mehr verschaffen. Auf dem Weihnachtsmarkt mag man bleiben, herumstehen, erzählen, wie in der Kneipe, nur draußen.

Außerdem verheißt das Rummelige des Weihnachtsmarkts diffus Vergnügen. Das hat die Menschen schon vor Jahrhunderten auf die Jahrmärkte gelockt. Was es dort gab, hatte nie Niveau, verhieß aber Sensation, Neuigkeit, Abwechslung vom Alltag. Auch der Weihnachtsmarkt ist schon unterhaltsam, wenn die Leute nur an den Buden vorbeiflanieren und über den Kitsch lästern. Es gibt etwas zu begucken, zu bestaunen.

Vor allem aber ist der Weihnachtsmarkt ein sozialer Treffpunkt. Kollegen scharen sich nach der Arbeit noch schnell für ein Gläschen um den Glühweinstand, Väter stehen geduldig am Karussell, Omas kaufen ihren Enkeln Poffertjes und passen auf, dass der Puderzucker im Schälchen bleibt.

Banal ist das nur auf den ersten Blick. Denn es schwinden ja die Anlässe, die Familien, Kollegen, Freunde ungezwungen zusammenführen. Und auch die öffentlichen Räume, in denen sich flüchtige Bekannte begegnen, mal schnell erzählen, wie das Leben so ist. Man muss sich also nicht schämen, wenn man sich in diesen Tagen wieder durch die Kunstgassen schiebt, Crêpes mit Nutella verspeist, Nippes beguckt. Es kann dabei um etwas Menschliches gehen, um gemeinsam verbrachte Zeit, darum, den Außenseiter am Würstchenstand in den Kollegenkreis zu holen, die alte Tante mal wieder mit "unter die Leute" zu nehmen. Dann ist wirklich Advent.

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(RP)
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