Gesellschaftskunde: Warum Religion durch nichts zu ersetzen ist

Gesellschaftskunde : Warum Religion durch nichts zu ersetzen ist

Die Wissenschaft ist so abstrakt geworden, dass sie dem Laien bei der Orientierung im Leben kaum helfen kann. Dieses Vakuum kann die Religion füllen.

In Wahrheit sind die Tage ja vorbei, da Wissenschaft und Theologie einander feindlich gegenüber standen, der Mensch glaubte, sich entscheiden zu müssen zwischen Aufgeklärtheit und dem alten Halt im Glauben. Doch das war zu einer Zeit, als Wissenschaft noch Dinge erklärte, die für jeden greifbar und bedeutsam waren. Dass die Welt eine Kugel ist und keine Scheibe, dass der Mensch sich evolutionär entwickelt hat und nicht aufrecht auf die Erde kam, das waren naturwissenschaftliche Erkenntnisse, die Weltbilder verändert haben.

Inzwischen hat sich die Wissenschaft ins Nano-Detail oder die hyperkomplexe Sprache der Algorithmen verabschiedet. Natürlich ist diese Forschung Grundlage für die technische Fortentwicklung der Menschheit, ihre Relevanz also gar nicht zu überschätzen. Und natürlich werden etwa in der Gentechnik noch immer Forschungsergebnisse erzielt, die das Zeug haben, unser Selbstverständnis zu revolutionieren. Doch diese Erkenntnisse sind so abstrakt und komplex geworden, dass die Deutung Experten vorbehalten ist. In seiner alltäglichen Lebenspraxis fühlt sich der Laie kaum berührt. Vor allem scheint ihm die Wissenschaft bei der Orientierung in der Welt keine Hilfe zu sein. "Gerade indem sie sich souverän behauptet und jeden Zweifel an ihrer Legitimität niederschlägt, erzeugt die Wissenschaftswelt ein Vakuum der Bedeutsamkeit", schreibt der Soziologe Norbert Bolz.

Dieses Vakuum, das die moderne Wissenschaft hinterlässt, kann nun ausgerechnet der alte Widersacher Glaube füllen. Denn im Kern beschäftigt sich Religion, egal welcher Ausprägung, ja mit den Vorstellungen jenseits der Technik, der Funktion, des Rationalismus. Und in diesem Jenseits suchen wir nach Orientierung für unser Sein, nach Maßstäben, an denen wir unser Handeln ausrichten können. Kein Logarithmus dieser Welt kann mir schließlich sagen, was mein Leben mit Sinn erfüllt und wem ich meine Aufmerksamkeit, meine Zuwendung schenken sollte, um ein reiches, reifes, würdiges Leben zu führen.

Es gibt keine letztgültigen Antworten auf diese Fragen, aber die Religionen sagen auf ihre so unterschiedlichen Weisen, dass es sinnvoll ist, diese Fragen zu stellen. Darum sind Religionen durch nichts zu ersetzen. Und darum war der alte Dualismus von Wissenschaft und Religion von Anfang an verfehlt.

Es könnte ein Vorteil unserer ausdifferenzierten Zeit sein, dass wir keine Kräfte mehr auf den Hoheitskampf zwischen beiden Sphären vergeuden müssen, sondern Wissenschaft und Religion einander mit ihren spezifischen Zuständigkeiten flankieren. Doch das verlangt Großmut auf beiden Seiten — Aufgeklärtheit könnte man auch sagen.

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(RP)
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