Gesellschaftskunde: Warum Meese nervt – und das gefährlich ist

Gesellschaftskunde : Warum Meese nervt – und das gefährlich ist

Jonathan Meese steht vor Gericht, weil er den Hitlergruß gezeigt hat. Er sieht darin Kunst, doch verweist seine Provokation auf nichts – darum lullt sie ein, statt aufzuklären.

Jonathan Meese steht vor Gericht, weil er den Hitlergruß gezeigt hat. Er sieht darin Kunst, doch verweist seine Provokation auf nichts — darum lullt sie ein, statt aufzuklären.

Nun hat er also die Bühne bekommen, auf die er es wohl abgesehen hat: der Berliner Künstler Jonathan Meese. Vor dem Verwaltungsgericht Kassel wird derzeit verhandelt, ob er dafür bestraft werden soll, dass er mehrfach öffentlich den Arm zum Hitlergruß hob — auf der Bühne und bei einer Diskussion. Es geht vor Gericht um die Frage, ob Meeses Provokationen als Kunst anzusehen sind und falls ja, ob die Kunstfreiheit dann höher einzuschätzen ist als das Hitlergruß-Verbot. So trifft nun also Performance auf Paragrafen, der schillernde Diskurs der Kunst auf die kühlen Kriterien der Richter. Und man fragt sich, warum Juristen entscheiden sollen, was Kunst ist. Die aber machen das gründlich, und so zieht sich das Verfahren hin.

Man kann es sich nun einfach machen und Meese als nervigen Wichtigtuer abtun, der es ja gar nicht ernst meint mit dem bösen Gruß, sondern nur das Freiheitsrecht der Kunst ausreizt. Er selbst versucht, es so darzustellen. Sein künstlerisches Programm besteht ja vor allem darin, die Diktatur der Kunst auszurufen — also eine ominöse "totale Versachlichung" zu fordern und seine Auftritte mit Nazi-Versatzstücken zu garnieren.

Man kann das abtun. Das Fatale aber ist, dass sein Nazi-Geplärre keinen aufklärerischen Effekt hat, sondern genau das Gegenteil bewirkt: Es langweilt. Und das ist wohl die nachhaltigste Form der Verharmlosung von etwas, das ganz und gar nicht harmlos ist. Die Deutschen haben einem Diktator die Macht gegeben, der den Menschen Gesten diktiert hat — und vorgab, wer im Reich überleben durfte und wer nicht. Den Gruß zu verweigern, sich als Gegner der Ideologie zu outen, konnte lebensgefährlich werden. Solche Gesten sind keine Aufmerksamkeitsköder. Man lasse gefälligst die Finger davon, wenn man nichts zu sagen hat. Das unterscheidet Meese nämlich von Provokateuren mit Gehalt wie Joseph Beuys oder Christoph Schlingensief. Die erschraken über gesellschaftliche Entwicklungen in ihrer Zeit und nutzten provokante Zeichen, um damit Aussagen zu treffen. Kunst muss nichts wollen, sie muss auch keine Botschaften formulieren. Sie kann selbstverliebt oder komplett gaga sein. Wer sich aber an das Spiel mit Nazi-Symbolen wagt, sollte mehr zu sagen haben, als dass die Kunst herrschen möge. Irgendwie. Total.

Entlarvend für unsere Zeit ist, wie prima Meeses Provokationsroutine zur Logik des Kunstmarkts passt. Weil er den Arm hebt, erhält er Aufmerksamkeit, wollen ihn die Museen, steigen seine Preise. Das ist Kunst im Zeitalter medialer Reproduzierbarkeit.

Meese hat das Spiel verstanden. 2016 inszeniert er in Bayreuth.

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(RP)
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