Gesellschaftskunde : Wandel bedeutet nicht Verfall

Unsere Sprache lässt sich nicht auf einem bestimmten Stand einfrieren. Zum Glück.

Das neue Jahr war gerade drei Tage alt, da hatte das Land seine erste Sprachdebatte 2020. Natürlich drehte sie sich um Genderaspekte, also darum, wie Geschlechtergerechtigkeit mit sprachlichen Mitteln darzustellen sei. Nichts bringt die Interessierten zuverlässiger auf die Palme. Grund des Zorns war diesmal kein Anschlag auf die Nationalhymne, sondern die Stadt Lübeck, die ihre Bürgerinnen und Bürger nun „Lübecker:innen“ nennt.

Vorneweg war wie immer der Verein Deutsche Sprache, der von „Monstrositäten“ schrieb, von „grässlichem Deutsch“ und, zack, Thomas Mann vereinnahmte, der sich „für seine Heimatstadt geschämt“ hätte. Immer dasselbe: Befürworter der Genderschreibung („Studierende“ statt Studenten, „BürgerInnen“, „Bürger_innen“, „Bürger*innen“ und so weiter) machen geltend, Sprache müsse Diversität abbilden; Gegner verweisen auf das geltende Regelwerk, so auch im Lübecker Fall, oder argumentieren ästhetisch („grässlich“). Abgesehen davon, dass die Ablehnung in anderen Fällen gern auch antifeministisch (nervige Emanzen), antipluralistisch (die Minderheiten sollen doch jetzt auch mal Ruhe geben) oder allgemein unsachlich daherkommt („Gender-Gaga“): Mehr Komplexität wäre wünschenswert. Mit Geschmacksargumenten lässt sich schlecht streiten. Ich finde „Lübecker:innen“ auch hässlich, wenngleich nicht ganz so hässlich wie „Bürger*innen“ – aber darauf kommt es nicht an. Sondern darauf, einen Weg zu finden, ein sich veränderndes gesellschaftliches Verständnis von Sprache in Buchstaben zu fassen. Wandel werde stets als Verfall gesehen, befand just diese Woche der Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg in der „FAZ“. Stimmt. Ist aber nicht gut. Wir sollten uns da hinterfragen. Thomas Mann allerdings hat damit herzlich wenig zu tun.

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