Gesellschaftskunde: Von der Angst vor dem Nichtstun

Gesellschaftskunde : Von der Angst vor dem Nichtstun

Unausgefüllte Zeit empfinden viele Menschen als vergeudet. Sie haben Angst vor dem Nichtstun. Denn längst haben sie verinnerlicht, dass Selbst-ausbeutung dazugehört.

Jetzt hat also wieder die Zeit des Verzichtens begonnen. Und weil es so analog ist, Schokolade im Schrank zu lassen, verbannen sich Fastenwillige des digitalen Zeitalters lieber in die kommunikative Wüste und verzichten auf soziales Netzwerken. Als sei das Internet eine kalorienreiche Süßigkeit.

Vielleicht ist Zeit verplempern im Internet aber nicht nur eine schlechte Angewohnheit, für die sich der Einzelne bestrafen müsste. Vielleicht ist es ein Symptom unserer Zeit. Denn eine neue Furcht treibt die Gesellschaft: die Angst vor dem Nichtstun.

Das hat damit zu tun, dass immer mehr Menschen unter ökonomischem Druck und der Konkurrenzlage am Arbeitsmarkt Selbstausbeutung betreiben. Sie heben die Grenze zwischen Arbeit und Privatleben auf, sind immer erreichbar, immer einsatzbereit – und halten das für richtig. Arbeit ist ja auch nicht mehr die dreckige Maloche von gestern, die niemand mit Privatleben verwechseln konnte. Heute tragen immer weniger Menschen Blaumann, immer mehr leisten immaterielle Arbeit. Sie verwirklichen sich in Aufgaben, die kreativ sind, oder lassen sich ihre Tätigkeit zumindest so verkaufen. Kreative aber sind eigentlich Künstler, und die kennen bekanntlich keinen Feierabend. So wird Selbstausbeutung zum Merkmal gehobener Tätigkeit. Wer was auf sich hält, lebt in permanenter Gleitzeit.

Das funktioniert allerdings auch nur, wenn Menschen verinnerlicht haben, dass sie sich ausschließlich in ihrer Arbeit verwirklichen, also ihr Glück finden können. Nichtstun ist dann das Gegenteil von Glück: Der Mensch liegt brach, ist weder gefragt noch gefordert – also fast schon tot. Vor diesem Zombie-Gefühl bewahrt das Internet. In sozialen Netzwerken ist jeder permanent gefragt, muss niemand Nichtstun fürchten. Das Internet ist das Methadon der Arbeitswütigen. In einer Zeit, da Arbeit den Menschen erscheinen soll wie ihr Hobby und sie zugleich ihr Privatleben organisieren wie Meetings bei der Arbeit, erscheinen unausgefüllte Minuten wie Vergeudung. Der Mensch in der modernen Arbeitswelt muss also wieder lernen, sich dem Nichts auszusetzen, Zeit geschehen zu lassen – und mit ihr das Leben.

Wer sich in der Fastenzeit Internetabstinenz verordnet, sollte also auch den nächsten Schritt wagen, die gewonnene Zeit mal durch nichts füllen und sehen, was passiert. Womöglich etwas Kreatives.

Ihre Meinung? Schreiben Sie unserer Autorin: kolumne@rheinische-post.de

(RP)
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