Gesellschaftskunde: Von den Erschütterungen in der Freiheit der Ferien

Gesellschaftskunde : Von den Erschütterungen in der Freiheit der Ferien

Urlaub bietet den Freiraum, auf Distanz zu gehen zum Alltag. Das kann Gewissheiten zerstören – und heilsam sein.

Urlaub bietet den Freiraum, auf Distanz zu gehen zum Alltag. Das kann Gewissheiten zerstören — und heilsam sein.

Für viele Menschen fühlt sich Leben inzwischen an wie ein Projekt, das es zu managen gilt: Spärliche Zeit ist zu verteilen zwischen Arbeit, Familie, Sport und mal wieder einem Abend im Kino. Seit die Grenzen zwischen Job und Freizeit fließen, wächst der Druck, möglichst viel gleichzeitig zu erledigen. Also beantworten Menschen ihre Dienst-E-Mails, während sie am Rande des Fußballfelds ihre Sprösslinge anfeuern, oder jagen sich über Kopfhörer literarische Klassiker ins Hirn, während sie ihre After-Work-Jogging-Runden absolvieren.

Und dann Ferien.

Plötzlich setzen all die Routinen aus, ist Zeit keine Abfolge von Terminen mehr, sondern unverplant vorhanden. Manche Menschen können damit nicht mehr umgehen. Die verordnen sich dann auch im Urlaub ein striktes Programm mit Tauchkursus und Sightseeing-Marathon, fühlen sich nur wohl, wenn ihre Tage weiter angefüllt sind und sie abends erschöpft zurückblicken können auf möglichst erlebnisreiche Stunden.

Manche wagen aber auch, sich wahrhaft freier Zeit auszuliefern. Sie setzen im Urlaub nicht das Tageanfüllen unter anderen Vorzeichen fort, sondern riskieren den radikalen Bruch, versuchen, sich zurückzuziehen, Atem zu schöpfen, das Denken in die Freiheit des Unvorhergesehenen zu entlassen.

Das kann gefährlich werden. Denn wer die Taktung des Alltags abstreift, riskiert, dass Sinnfragen an die Oberfläche treten: Ist wirklich so wichtig, was das Denken im Alltag beherrscht? Wird auf lange Sicht Erfüllung bringen, was kurzfristig Erfolge verspricht? Lenkt der eigene Ehrgeiz zu den richtigen Zielen?

Die moderne Gesellschaft ist ganz dem Funktionieren verpflichtet, sie glaubt nicht mehr an den Fortschritt der Geschichte, hat kein Ziel, sondern ist zerfallen in diverse soziale Systeme. Der Einzelne aber braucht Ziele für sein Leben, die sein Sein tiefer verankern in etwas, das ihm sinnvoll erscheint, wert, dafür zu leben. Die Moderne hat dem Individuum also ein existenzielles Problem eingehandelt, indem sie die Sinnsetzung allein dem Einzelnen überlässt. Er muss sie der Gegenwart abringen — und dafür sorgen, dass ihm das Lebensziel in der Zerstreuung des überladenen Alltags nicht aus dem Blick gerät. Die Konsumgesellschaft bietet schließlich genug Möglichkeiten, existenziellen Fragen auszuweichen, sie zu vertagen, bis das Leben plötzlich gelebt ist, unreflektiert, entfremdet.

Ferien können den Freiraum bieten, auf Distanz zu gehen zum eigenen Handeln und wieder einmal zu fragen, was wirklich wichtig ist. Das kann Sicherheiten erschüttern, Gewissheiten zerstören. Doch auf lange Sicht sind solche Beben heilsam.

Ihre Meinung? Schreiben Sie unserer Autorin: kolumne@rheinische-post.de

(RP)
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